Das Ex-Freundinnen Phänomen

„Was bringt eine Lesbe mit zu ihrem ersten Date?“, werde ich gefragt. Wieder so ein Witz, der überzogen eines der Lesben-Klischees aufzeigt, denke ich. Absichtlich antworte ich falsch: „Einen Umzugswagen!“, und lächele müde. „Ne, falsch“, triumphiert mein Gegenüber, „ihre Ex-Freundin“, und grinst mich breit an. Unsere Kolumne von Tessa Weiß. 

Ich lache, definitiv eine Übersprungshandlung. Durch Lachen lösen sich ja bekanntlich innere Spannungen, die sich bei diesem „Witz“ überdeutlich bemerkbar machen. Witz ist allerdings in diesem Zusammenhang gar nicht der richtige Begriff und überzogenes Lesben-Klischee auch nicht. Denn Fakt ist: Ich hatte schon ein erstes Date, bei dem nicht nur sie und ich dabei waren, sondern auch ihre Ex-Freundin. Angekündigt war diese nicht. Dann wäre selbst ich, die über kein Frühwarnsystem für komplizierte Begegnungen verfügt, nicht hingegangen, obwohl ich diese Frau unbedingt kennenlernen wollte. Um es kurz zu machen: Ich habe den Abend nicht abgebrochen und wir sind ein Paar geworden – oder war es eher eine Ménage à trois? Wie das erste Date schon vermuten ließ, die Ex-Freundin spielte noch immer eine überdimensionierte Rolle. Das Ex-Freundinnen-Phänomen eben.

Special Agent Ex-Partnerin

Aber was ist das immer? Warum ändert bei Lesben eine Trennung nichts an der Stellung, die die Ex-Freundin einnimmt? Dass die Ex noch einen Platz im Leben hat, dass eine Trennung nicht bedeutet, dass der ehemals geliebte Mensch in keiner Form mehr am Leben der anderen partizipiert, finde ich schön und wertschätzend der Person und der Beziehung gegenüber. Das scheint aber bei frauenliebenden Frauen oftmals so nicht zu funktionieren.

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Mehr als einmal habe ich erlebt, dass die Ex-Freundin immer noch die oberste Priorität hatte. Aus Rücksicht auf die Ex werden dann Sachen gemacht, die die neue Freundin verletzen, die ihr überdeutlich machen, wer an erster Stelle steht und wo der eigene Platz ist. Sei es, dass gemeinsame Spaziergänge abgebrochen werden, weil „Dinge“ mit der Ex-Freundin geklärt werden müssen, oder aber Küsse im Beisein dieser verboten werden.

Für Trennungen gibt es aber immer Gründe. Man hat sich ja ganz bewusst gegen die Beziehung entschieden oder die sich Trennende hat sehr deutlich gemacht, dass sie die Beziehung nicht weiterführen möchte. Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Am bittersten ist es natürlich immer, wenn noch Gefühle da sind, die Beziehung aber dennoch nicht gelingen will.

Das habe ich selbst schon erlebt. Das ist traurig und tut verdammt weh. Dass es komisch ist und sich schlimm anfühlt, wenn die Ex-Freundin sich für eine andere Frau interessiert, verliebt ist oder gar eine neue Beziehung eingeht, verstehe ich nur zu gut. Das löst Ängste aus und kratzt am Selbstwertgefühl – das ist mir alles klar. Ich neige selbst dazu, alte Beziehungen zu verklären, nur das Positive zu sehen und die Gründe des Scheiterns auszublenden. Aber mittlerweile sind wir in einem Alter, in dem Reflexion gelingen sollte, in dem wir ehrlich zu uns selbst sein sollten, in dem wir unsere Ängste auf dem Schirm haben und uns bewusst machen sollten, was die Triebfeder unseres Handelns ist.

Das krampfhafte Festhalten an alten Strukturen, das Sich-nicht-Öffnen für eine neue Beziehung – und damit ist auch eine neue Beziehung zur Ex gemeint –, führt zu Stillstand und der kann nicht glücklich machen. Vertrauen, dass der Mensch, den man mal geliebt hat, nicht weggehen, sondern nun eine andere Rolle im Leben spielen wird, ist wirklich schwer, vor allem dann, wenn einem Vertrauen nicht in die Wiege gelegt wurde.

Die Ex-Freundin bedeutet Stress für die neue Partnerin

Ich bin mir aber sehr sicher, dass es nur so geht. Wenn man sich nicht von der Ex lösen kann und in den verkorksten alten Strukturen verharrt, dann ist das die eigene Entscheidung. Fair wäre es aber, sich nicht halbherzig auf eine andere Frau einzulassen, weil die erste Stelle immer noch besetzt ist. Natürlich ist jede für sich selbst verantwortlich und entscheidet, ob und worauf sie sich einlässt. Das Ex-Freundinnen-Phänomen wird aber erfahrungsgemäß in einem schleichenden Prozess immer deutlicher.

Anfangs, wenn man gefühlsmäßig noch nicht so involviert ist, ist man noch nachsichtiger und findet es unangemessen, die Beziehung zwischen beiden zu bewerten. Das Problem ist, dass die zunehmende Intensität des Kennenlernens mit den Ängsten korreliert das Alte loszulassen. Und genau das ist das Zerstörerische. Denn damit verletzt man die neue Frau ungemein und verunsichert sie zutiefst, was Gift für eine neue Beziehung ist. Und je mehr die Intensität zunimmt, desto größer sind auch die Verletzungen.

Drum prüfe, wer sich bindet. Sei ehrlich zu dir selbst. Wenn in deinem Leben noch kein Platz für eine neue Frau ist, dann lass dich nicht halbherzig auf etwas Neues ein. Und wenn du deine alte Freundin noch nicht gehen lassen kannst, dann sei auch hier ehrlich zu dir selbst und frage dich, warum das so ist. Wenn es aber doch die Frau deines Lebens ist, dann gib noch einmal alles und kämpfe. Wenn es kein Zurück gibt, dann gibt es das auch nicht, wenn eine neue Frau im eigenen Leben oder in dem der anderen auftaucht. Das weiß ich ganz bestimmt.

Headerfoto Unsplash / Pexels.com

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