Auf dem Jakosbweg – der Caminho Português

Den Jakobsweg laufen Ausgebrannte, Sinnsuchende oder Menschen in einer Trennungsphase. Stimmt. Er läuft sich aber genauso gut ohne Lebenskrise; und das gilt besonders für den Caminho Português. STRAIGHT-Autorin Stephanie Lachnit schickt dich eine Woche lang zu Fuß durch den grünen Norden im warmen Süden. 

______________________________________________________________________________________________________________

Wir stehen früh auf. Draußen ist noch Nacht. Über den Dächern von Porto hängt dichter Nebel und nur die Straßenlaternen setzen orange Punkte in das Grau. Wir werfen unsere Rucksäcke über. Bepackt und zugezippt starten wir in die erste Etappe. Unser heutiges Ziel ist Lavra. Es liegt 22 Kilometer entfernt, draußen an der Atlantikküste. Was wir noch nicht wissen: Wir werden alles richtig machen an diesem Tag. Wir werden pünktlich zum Sonnenuntergang auf der Veranda unseres Bungalows sitzen, aufs Meer gucken und unseren Muskelkater schon erahnen.

Die Etappe beginnt auf dem Vorplatz der Kathedrale von Porto. Hier sind die ersten Wegmarken zu finden – ein gelber Pfeil zeigt nach Santiago de Compostela, ein blauer nach Fátima. Wir werden dem Gelben folgen. Kopf aus, Augen auf, Herz an. Und schon ist der Nebel verschwunden und wir sehen den Douro, wie er sich meerwärts aus der Stadt schlängelt. Er wird uns bis an die Küste leiten. Und so staunen wir mehr, als wir gehen. Da sitzen Möwen auf gestrandeten Fischerbooten und lachen. Wir lassen uns gern von einem frisch gepressten Orangensaft am Strand aufhalten, die nackten Füße baden wir im Atlantik. Fotos knipsen. Wellenbrechen. Das geht sich gut an, ist mehr Strandspaziergang als Wanderung.

Stadt – Land – Küste

___STEADY_PAYWALL___

Jetzt sind wir also Pilgerinnen. Wir werden eine Woche lang auf einem ausgewählten Teilstück des portugiesischen Jakobswegs unterwegs sein und in sechs Etappen von Porto bis nach Tui in Spanien laufen. Die kürzeste Wegstrecke ist 17, die längste knapp 24 Kilometer. Insgesamt laufen wir eine Strecke wie von Berlin nach Cottbus, rund 125 Kilometer. Das ist machbar und ideal für Pilgerneuzugänge und Unfitte sowieso, für die Binge Watching (Komaglotzen oder Serienmarathon, Anmerk. d. Red.) bisher der einzig regelmäßige Sport war.

Für uns beide gilt: Wir wollen im Urlaub nicht schwitzen, sondern schwelgen. Dieser Fernweg macht genau das möglich. Auch kulinarisch. Was die Alpinistin ‚Brotzeit‘ nennt, heißt auf dem Caminho Português ‚Sardinhas Assadas‘ – ein Teller frisch gegrillter Sardinen. Nach etwa drei Stunden erreichen wir Matosinhos. Zeit, Sardinhas zu schlemmen. Denn die Hafenstadt ist bekannt für ihre Straßengrills in unmittelbarer Nachbarschaft der Fischfabriken. Dutzende Restaurants haben sich hier angesiedelt und grillen den fangfrischen Fisch direkt vor unseren Augen. Das nennt man perfekte Routenplanung, denn die heutige Etappe führt genau hier entlang. Die Grills stehen uns Spalier und wir nehmen Platz, umhüllt von einer appetitlichen Duftwolke. „Eigentlich sollte man ja jede Möglichkeit einer Einkehr nutzen“, sagt Tine. „Und man muss jeden Tag mindestens zwei frisch gepresste O-Säfte trinken. Die schmecken nirgendwo so gut wie hier. Zusammen mit einem Galão, ist das mein Treibstoff.“

Pilgerherberge
Pilgerherberge

Nachdem wir die erste Etappe in Lavra abschließen, geht es am folgenden Tag nach Arcos und ab jetzt immer tiefer hinein ins Landesinnere der Region Norte. Auf den Tag am Meer folgen Weiler, Weinberge, Wälder: Über moosige Pfade entlang schmaler Flussläufe, über sanfte Hügel an  Rebstöcken vorbei, über alte Steinbrücken, die im Abendrot leuchten. Das klingt kitschig. Wir nennen es romantisch. Die Schnitzeljagd nach den gelben Pfeile wird zum Spiel und wir bewundern unsere Siebenmeilenstiefelei. Gerade noch das nächste Dorf in der Ferne erahnt, schon sind wir dort und gönnen uns den nächsten Galão. Der Caminho ist meist menschenleer, doch wir sind nicht einsam. Wir laufen zwar abseits und sind doch mittendrin, hier draußen in der Natur. „Irgendwie friedlich“, sagt Tine.

  1.  Tag: Porto – Lavra: 22,4 km
  2. Tag: Lavra – Arcos: 20,6 km
  3. Tag: Arcos – Barcelos: 20,6 km

Mit dem Bus von Barcelos nach Portela de Tamel

  1. Tag: Portela de Tamel – Ponte de Lima: 24,3 km
  2. Tag: Ponte de Lima – Rubiães: 17,7 km
  3. Tag: Rubiães – Tuì (Spanien): 20,3 km

    Porto

 

Ein Fernweg stellt dir die relevanten Fragen: Schaffst du den Weg aus eigener Kraft, wo bekommst du etwas zu essen und in welchem Bett wirst du heute Nacht schlafen? Wir werden auf unserer Reise einmal campen, zwei Mal Stockbetten mit Pilgern teilen und schon bald feststellen, dass wir in privaten Pensionszimmern am tiefsten schlafen. Pilgerweisheit Nummer 1: Investiere in einen handlichen Wanderführer über den Caminho Português. Der hilft, die Route nach eigenem Tempo zu planen und listet die Herbergen am Weg auf. Pensionen und Hotels dagegen sind oft nur in den größeren Orten zu haben.

Ponte de Lima
Ponte de Lima

Die vierte und längste Etappe führt uns nach Ponte de Lima. Die Strecke ist herrlich schön, fordert aber ihr Wegzoll. Tines Verse streikt und will eine Pause. Müde und sattgesehen an der prächtigen Landschaft erreichen wir in der Abenddämmerung das Städtchen am Fluss. Unwirklich, was uns hier empfängt: Die Straßenlaternen beschallen die Uferpromenade mit klassischer Musik! Keine Fata Morgana. Obwohl, der Tag war lang und die Sonne heiß. Wir checken also direkt für zwei Nächte ein. Das Restaurante Catrina vermietet günstige Zimmer mit Blick auf die Römerbrücke, die ‚Ponte de Lima‘. „Ich fühle mich, als wären wir in Van Goghs ‚Sternennacht‘ gefallen“, sage ich. Und was für ein Glück, unsere Vermieter backt sogar die beste Pizza Portugals. Dazu ein Glas Wein aus der Region, den Vinho Verde. Pilgerweisheit Nummer 2: Bei all der Herrlichkeit; eine Fernwanderung ist nur so gut wie die Ausrüstung. Spare nicht an den Schuhen. Spare am Gepäck. Schließlich sollen diese 125 Kilometer zum Spaziergang werden.

„Bom Caminho!“

Alles klappt wie geplant. Nichts ist wie gewohnt. Und das ist gut so. Als wir die fünfte Etappe in Tui beenden, können wir nicht nur unser Frühstück in sauberem Portugiesisch bestellen, wir sind jetzt auch ziemlich stolze Pilgerinnen. Schließlich haben wir 178.571 Schritte auf dem Jakobsweg gemacht und nur acht Kilometer mit dem Bus erschummelt. Das ist dreieinhalbfaches Tagessoll! Denn wer 10.000 am Tag geht, lebt gesünder! Das versprechen Experten und zählen Apps und smarte Wearables schrittgenau nach. Wer’s glaubt, wird fitter. Doch mehr als ein Mantra ist diese Gleichung ja leider nicht, sagen wiederum andere Experten. Egal. Wir glauben ans Fernwandern und empfehlen den Caminho Português – und leichtes Gepäck. Immer den gelben Pfeilen nach. Basta.

STRAIGHT Autorinnen Tine und Steffi

Der portugiesische Jakobsweg

Der portugiesische Jakobsweg führt in 606 Kilometern von Lissabon bis ins spanische Santiago de Compostela. Die STRAIGHT-Route ist ein Teilstück durch den Norden Portugals, ideal für gemütliche Geherinnen, die das Meer und die mediterrane Küche lieben. Die Etappen sind im Schnitt 20 Kilometer lang und in fünf bis sechs Stunden gelaufen. Der Weg kommt ohne nennenswerte Steigungen aus. Außerdem ist Portugal ein sehr günstiges Reiseland, was die Auswahl an Unterkünften angenehm erweitert.

Fakten

2015 sind 262.458 Pilger den Camino Francés, den bekanntesten Jakobsweg, bis ans Ziel gelaufen. Er führt auf rund 800 Kilometern durch den Norden Spaniens von den französischen Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela. Der Caminho Português dagegen ist die beliebteste Nebenroute. Denn er ist kürzer, weniger überlaufen und landschaftlich extrem abwechslungsreich. Die ideale Reisezeit ist April bis Juni und September.

Anreise

– Ryanair fliegt direkt nach Porto, ab Berlin-Schönefeld, Dortmund und Frankfurt/Hahn.

– Wir empfehlen den Rückflug ab Santiago de Compostela: Das Ziel des Jakobswegs ist von Tui in zwei Zugstunden erreicht oder in vier bis fünf weiteren Etappen zu Fuß.

Budget

Eine Woche Pilgern auf dem portugiesischen Jakobsweg bedeutet günstig zu reisen. Herbergen oder Pensionen kosten zwischen 10,- und 30,- Euro die Nacht, die Flüge sind erschwinglich und das Essen extrem frisch und dabei immer bezahlbar. Die ideale Reise für kleine Kassen.

Fotos: Stephanie Lachnit / Christine Roskopf

SHOWHIDE Comments (0)

Leave a Reply

Your email address will not be published.