… und plötzlich dieser Kinderwunsch.

Jedes dritte Kind einer klassischen Heterobeziehung ist nicht geplant*. Wir können uns nicht überraschen lassen. Bei Kinderwunsch müssen wir planen. Lesbische Singlefrauen bekommen Kinder ohne Partner und ohne Sex. Frauenpaare bekommen Kinder zusammen mit einem Männerpaar. Freunde bekommen Kinder und werden zu Co-Eltern. And so on.

Längst sind die Familienmodelle so vielseitig, wie die Wege Eltern zu werden. Von der Bechermethode bis zur Kinderwunsch-Behandlung, von der Leihmutterschaft bis zur Adoption ist einiges möglich. Doch nicht einfach; und teuer obendrein. Der Weg zum gewünschten Kind kostet Nerven, Blut und Tränenflüssigkeit. Das Ersparte schrumpft und die Hoffnung mit jedem Versuch und jeder Hürde auch. Denn die Menschen ohne klassisches Mama-Papa-Kind-Modell in der Hinterhand balancieren über Gesetzeslücken.

Kinderwunschbehandlung

Beispiel Kinderwunschbehandlung: Wird eine IVF oder ICSI nötig, dann heißt das für uns Frauen: weite Wege. Denn die passende liberale Klinik steht meist nicht im Nachbarort. Obwohl Ärztinnen und Ärzte Lesben mit Kinderwunsch deutschlandweit behandeln dürfen. Theoretisch. Rein praktisch lassen die Berufsordungen der Landesärztekammern den Kliniken soviel Auslegungsspielraum, dass sie der Bibel Konkurrenz machen. Denn jedes Bundesland regelt selbst und unterschiedlich. Die künstliche Befruchtung von Lebenspartnerinnen sei dem Arzt „ausdrücklich erlaubt“ sagt Hamburg. Für die Mehrzahl der übrigen Länder gilt wiederum „berufsrechtlich nicht ausdrücklich verboten“. Okay, Spielraum ist also da. Und verboten ist nix.

Doch nicht jede Klinik hat Lust auf spielen. Und so geschieht es, dass auf die Suche nach einem Willkommen in einer Kinderwunschklinik erstmal eine To-Do-Liste folgt. Denn auch die Auflagen für eine Behandlung sind nicht einheitlich geregelt. Notarielle Urkunde, psychologischer Test, rechtsanwaltliche Beratungsgespräche oder eingetragene Lebenspartnerschaft können zur Bedingung für eine Behandlung werden. Oder es wird direkt ein „Och, das ist aber jetzt ein Sonderfall. Sowas hatten wir noch nicht und das machen wir auch nicht!“ durchs Telefon gelächelt.

Eine Klinik gefunden, aber kein Geld? Dann war es das. Denn eine Behandlung kann zwischen 3.000 Euro und 5.000 Euro kosten und im Schnitt sind sieben Versuche nötig, bis es klappt. Da ist es besonders bitter zu erfahren, dass die Kinderwunschbehandlungen nur für verheiratete Hetero-Paare von den Krankenkassen subventioniert werden. Frauenpaare zahlen privat, selbst, alles. Kleiner Lichtblick: Die Behandlungskosten sind unter Umständen von der Steuer absetzbar. Ein Frauenpaar hat 2015 in Münster geklagt, verloren und versucht jetzt eine Revision beim Bundesfinanzhof.

Anerkennung der Elternschaft

Beispiel Anerkennung der Elternschaft: Ihr seid schwanger! Erste Hürde genommen. Mega Glückwunsch!!! Doch eine Geburtselternschaft für die Co-Mutter gibt es jetzt nicht gratis dazu. Mama und Mama sind erst gemeinsam Eltern, wenn die Co-Mama das leibliche Kind der Partnerin adoptiert. Das geht wiederum nur, wenn beide Frauen vorher verpartnert sind. Quasi Ehezwang. Oder ist das diese „Pflicht-Homoehe“, von der Öttinger zuletzt gesprochen hat? Es ist verwirrend. Logisch ist hier nichts. Auch nicht, dass männliche Partner einfach direkt bei der Geburt die Vaterschaft mit ihrem Servus anerkennen und schon sind sie Papa. Dabei interessiert niemanden, ob er auch der biologischer Vater ist.

Adoption

Beispiel Adoption: Hetero-Paare adoptieren ein Kind gemeinsam. Gleichgeschlechtliche Paare werden als Einzelperson betrachtet. Sie adoptieren nacheinander. Noch so eine künstliche Hürde.

Wir brauchen Mutmacherinnen und Ratgeber!

Elternzeit, Kinderwunschbehandlung oder Sexualkundeunterricht – wenn von Familie die Rede ist, dann hat der deutsche Staat eindeutig das Mama-Papa-Kind-Modell im Visier. Rechte für alternative Lebensmodelle müssen individuell mit Frauenärzten und Kinderwunschkliniken, mit Beamten im Finanzamt und mit Angestellten in Krankenkassen diskutiert und bestenfalls verhandelt werden. Das ist nichts weiter als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Fachanwälte und Gängelung für Menschen wie uns. Der Lesben- und Schwulenverband ist breit aufgestellt und hilft bei allen Fragen kompetent und unkompliziert weiter.

Kinderwunschliteratur: Lesen hilft

Diese Bücher und Bloggerinnen helfen auch. STRAIGHT hat gut lesbare Sachbücher und Blogs gesammelt. Sie sind eine Orientierungshilfe über all die Hürden, die auf euch zukommen werden. Soviel ist sicher. Wir wünschen euch viel Kraft, Mut und vor allem Erfolg, liebe Mamas und Papas. Es lohnt sich!

Mutter, Spender, Kind – Wenn Singlefrauen Familien gründen


Cover Mutter, Spender, Kind, Rechte: Linke Verlag

„Dass Frauen ohne Partner ein Kind bekommen möchten, ist in unserem Recht nicht vorgesehen“, sagt Anya Steiner, Mutter einer Tochter und ohne Papa. Sie hat für ihr Buch mit über 100 Frauen gesprochen, die sich alle Kinder wünschen, aber keinen Partner haben – gewollt oder ungewollt. Persönliche Fragen und Austausch ist auf dem Forum für Singlefrauen mit Kinderwunsch möglich, das Anya Steiner moderiert.

Auszug aus Pressetext: Immer mehr Frauen gründen heute Familien ohne einen festen Partner. Warum entscheiden sie sich dafür? Welche Möglichkeiten stehen ihnen zur Verfügung? Was bedeutet das für die Kinder und für unsere gesamtgesellschaftliche Entwicklung? Darauf antworten die Frauen, Männer und Experten in diesem Buch.

Ein Kind ohne Partner, das war auch für Jennifer Sutholf die einzige Alternative, um sich ihren Wunsch nach einem Baby endlich zu erfüllen. Sie fand ihren Spender und Co-Papa im Bekanntenkreis und bloggt über ihren „Schwangerschaft mit Hindernissen“. Ein sehr persönlicher und lesbarer Blog mit dem vielsagenden Namen planningmathilda und – Spoiler – mit Happy End.

 
Mutter, Spender, Kind – Wenn Singlefrauen Familien gründen
Anya Steiner
Taschenbuch Ch. Linke Verlag
18,00 €

Eiertanz: Das Kinderwunschbuch


Cover Eiertanz, Rechte: MVG Verlag
Cover Eiertanz, Rechte: MVG Verlag

„Spritzen, schlucken, sprühen, schmieren“ heißt eines der Kapitel im Buch von Flora Albarelli und Simone Widhalm. Trefflich formuliert! Die beiden nehmen uns mit auf die Reise durch das tiefe Tal einer Kinderwunschbehandlung. Über noch mehr Alltagswahnsinn schreiben sie im Blog.

Auszug aus Pressetext: Jedes Jahr fangen in Deutschland rund 120.000 Menschen eine Kinderwunschbehandlung an. Zwei davon sind Simone Widhalm und Flora Albarelli – eine medizinische Fachfrau und eine Bloggerin. Die beiden haben sich zusammengetan und ein Buch geschrieben, in dem es nicht nur jede Menge Informationen zu den unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten gibt, sondern auch einen authentischen Erfahrungsbericht aus der merkwürdigen Welt der Spritzen, Warteschleifen und des hormongesteuerten Kopfkinos.

Eiertanz: Das Kinderwunschbuch
Flora Albarelli und Simone Widham
MVG Verlag
16,95 €

Mama, Papa, Kind? Von Singles, Co-Eltern und anderen Familien


Cover "Mama, Papa, Kind", Rechte: Herder Verlag
Cover „Mama, Papa, Kind“, Rechte: Herder Verlag

Jochen König ist Vater von zwei Töchtern mit drei Müttern. Er bloggt über seinen Alltag als Co-Vater und hat einen wachen und aufgeräumten Blick auf aktuelle Entwicklungen und Diskussionen zum Kontext von Vaterschaft in Care-Arbeit, der auch für Co-Mütter nützlich ist.

Auszug aus dem Pressetext: Co-Elternschaft, Ein-Eltern- und Regenbogenfamilien sind längst Teil unserer Gesellschaft. Es ist Zeit, umzudenken. Ein persönliches und zugleich brisantes Buch, das eines deutlich macht: Es geht um das Wohl der Kinder. Ob in der Kleinfamilie oder der Wohngemeinschaft.

Mama, Papa, Kind? Von Singles, Co-Eltern und anderen Familien
Jochen König
Taschenbuch Herder Verlage
16,90 €

Die Regenbogenfamilie – Ein Handbuch


Cover Regenbogenfamilie, Rechte: Querverlag

Der Klassiker: „Die Regenbogenfamilie – Ein Handbuch“ von Stefanie Gerlach ist quasi das Standardwerk zum Thema und schon 2010 erstmals erschienen. Mittlerweile ist die dritte Auflage draußen. Im September 2016 wurden nötige Updates eingebaut.

Auszug Pressetext: Stephanie Gerlach steht all jenen mit Rat und Tat zur Seite, die sich für ein Leben mit Kindern entscheiden, und gewährt in zahlreichen Interviews mit Menschen, die in „alternativen“ Familien leben, einen Einblick in die Lebensrealitäten heutiger Beziehungskonstellationen. Übersichtlich gegliederte Kapitel liefern praktische Hilfestellungen und Tipps und bieten Antworten auf häufig gestellte Fragen sowohl im juristischen als auch im gesellschaftspolitischen Bereich. 

Die Regenbogenfamilie – Ein Handbuch
Stephanie Gerlach
3. überarbeitete Auflage
Querverlag
19,90 €

Kinder machen – Samenspender, Leihmütter, künstliche Befruchtung


Cover Kinder machen, Rechte: Fischer Verlag

1. Die Kernfamilie aus Mama-Papa-Kind ist ein Konstrukt der Kirche (boring). 2. Die Theorie, dass ein Mensch nur durch Sex gezeugt werden kann, ist spätestens überholt, als sich in den 1930ern die Samenspende in den USA durchzusetzen beginnt. Der Kulturjournalist Andreas Bernard liefert in seinem Buch eine Fülle an solchen Erkenntnissen – fundiert, recherchiert, neutral. Es ist ein Buch, das hilft, sich dem Thema Reproduktion und Familien sachlich zu nähern. Es wirft einen medizinhistorischen Blick auf die Geschichte von Zeugung und Familie und gibt Kindern aus Samenspenden das Wort.

Auszug Pressetext: Von der Ukraine über Deutschland bis nach Kalifornien hat Andreas Bernard die maßgeblichen Orte, u.a. Samenbanken und Labore, aufgesucht, Eltern, Spender und Mediziner nach ihren Motiven befragt, die Schicksale der Kinder recherchiert. Gleichzeitig hat er die Geschichte des Wissens um die Reproduktion aufgearbeitet und Erstaunliches zutage gefördert.

Eine ergänzende Adresse zum Thema Kinderwunschbehandlung ist der Blog von Dr. med. Elmar Breitbach, Facharzt für Frauenheilkunde und Reproduktionsmedizin. Hier werden aktuelle Urteile, medizinische Studien und neue Behandlungsmethoden dokumentiert und kommentiert.

Kinder machen – Samenspender, Leihmütter, künstliche Befruchtung
Andreas Bernhard
Fischer Verlage
12,99 € / E-Book 10,99 €

Headerfoto Baby lying on black pad von pexels /unsplash.com

 

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