„Wir brauchen die Schubladen um sie einzutreten.“

Am 17.03.2017 erscheint Sookee´s Album „Mortem & Makeup“. Mit ihren Lyrics greift die queer-feministische Rapperin nicht nur gesellschaftspolitische Themen auf, sondern gießt auch ordentlich Öl in das Feuer der patriarchalisch dominierten Hip Hop Szene. Und das sehr gekonnt, wie wir finden.

Auf einem Soundteppich aus dicken Beats den Zeigefinger erheben, ohne dabei lehrmeisterhaft rüberzukommen. In melancholisch tragenden Hooks Kritik üben, ohne dabei zu predigen. Muss man können!

Unsere Hip Hop Expertin Isabel Oliver hat Sookee in Berlin getroffen, um mit ihr über Gender Shift, den gesellschaftlichen Rechtsruck und natürlich das neue Album zu sprechen.


Ich habe mich am Wochenende mal durch dein neues Album gekämpft, und das Wort „gekämpft“ ist hierbei keineswegs negativ konnotiert, sondern eher als Kompliment für die Komplexität der Themen gedacht.

Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch, das ist ja eine wirklich spürbare musikalische Evolution, die du da hingelegt hast!

Ja, ich habe da so eine Hand voll Leute aufeinander losgelassen, was sich als total gute Entscheidung erwiesen hat. Als wir gemeinsam im Studio waren, stand so viel geballte Kreativität im Raum, jeder hat sich irgendwie auf jeden eingelassen. Dann hörst du irgendwann die Pre-Version und das fertige Stück und denkst dir „genau so soll das sein“.

Ich bin total zufrieden mit dem Album und habe das Gefühl, da gehen inhaltlich ein paar Türen auf. Ich bin super gespannt darauf, was jetzt kommt. Die Platte ist ja schon seit Oktober fertig und die Zeit jetzt bis März war so… puh… (lacht)… fast forward bitte!

Ich habe da viel rausgehört. Werte, die in Frage gestellt werden, sehr viel Zeitgeist, Thema Rechtsruck, Backroll, Angstkultur, auch Freundschaftsthemen, Millenials…

Das Album klingt sehr progressiv aggressiv und trägt gleichzeitig eine apokalyptische Melancholie in sich. Es beinhaltet viele Gegenpole. Ganz deutlich hörbar ist diese Ambivalenz zwischen Mut und Angst. Beispielsweise bei deinem Song Q1: einsame Insel oder Untergrund. Wie gehst du damit im alltäglichen Leben um? Ist diese Ambivalenz etwas das dich begleitet?

Total. Ich glaube unsere Gegenwart ist extrem voll davon. Einerseits gibt es Entwicklungen, für die Menschen jahrzehntelang gekämpft haben. Ob das die Erweiterung des Sexualstrafparagraphen im letzten Jahr ist oder eine Zivilgesellschaft, die wirklich breit am Start ist wenn es darum geht, Leute in diesem Land willkommen zu heißen. Oder alle LGBTQ Themen in ihren unterschiedlichsten Ausformungen, Sichtbarkeit von sogenannten Minderheiten, Integration in Debatten. Das sind alles unglaublich tolle Entwicklungen, von denen ich mich frage „wenn nicht jetzt, wann denn dann?“

Und auf der anderen Seite hast du eben genau diese ganze negative Scheiße, die dir entgegen schwappt. Du denkst dir „das kann jetzt nicht sein. Wir sind doch schon längst über diesen Punkt hinaus, warum rollt ihr uns jetzt so zurück?“

(lacht) Offensichtlich scheint sich das in meinen Songs widerzuspiegeln.

Ich denke, das Ganze hat sowas bipolares. Du scrollst durch deinen Newsfeed und siehst wie Trudeau nach dem Muslim-Ban die Menschen nach Kanada einlädt. Hammer! Dann kommt wieder irgendeine Scheiße von einem AFD-Horst.

Oder Trump lässt wieder irgendeinen Tweet ab.

Ja! Dann hast Du aber auch wieder diese ganzen Reaktionen darauf, wie beispielsweise den Women´s March.

Diese Ambivalenz macht in jedem Fall extrem unruhig. Man kippt ständig von einem Extrem ins nächste, das ist unwahrscheinlich energiezehrend. Mit dieser Schwierigkeit haben im Moment viele Leute zu kämpfen, weil es eben so unglaublich viel abverlangt.

Es fordert viel Aufmerksamkeit, beansprucht viel Konzentration und vor allem viel Kapazität. Es gibt einfach so viel zu lesen und zu wissen, zu diskutieren, so viel zu kämpfen. Du hast die Außenkämpfe gegen alles Mögliche, szene-interne Debatten, dann auch noch Kämpfe mit dir selbst auszutragen… ich glaube, wir sind da alle sehr stark beansprucht.

Natürlich entsteht da auch die Sehnsucht, einfach mal die Fresse zu halten, zu schlafen, sich eine riesige Pizza zu bestellen, drei Staffeln der letzten Serie zu gucken und einfach nichts von der Welt mitzukriegen.

Gleichzeitig ist es großartig, dass wir die Möglichkeit haben uns aktiv an der Gesellschaft zu beteiligen und etwas zu tun. Das sind tolle Erlebnisse, gemeinsam mit anderen Menschen etwas zu bewegen und festzustellen, dass Viele so sind und genau so denken wie du. Die Leute geben sich gegenseitig Rückendeckung. Und zwar nicht nur in deinem Kämmerlein, sondern global.

Das macht diese Zeit gerade so besonders.

Welcher Seite bist du eher zugewandt: Der Furchtlosigkeit oder der Verängstigung? Oder hält sich das die Waage?

Ich möchte mich vor allem dazwischen nicht zerreiben lassen. Ich will weder auf Goa sitzen und kiffen, noch will ich auf meine Krankenversicherung verzichten, aus dem bürgerlichen Leben fallen und in den bewaffneten Widerstand gehen. Sich dazwischen immer wieder neu zu orientieren und neu aufzustellen ist eben genau das, was viele Leute gerade machen.

Es ist auch wichtig, bestimmte Begriffe neu auszuhandeln. Das Wort Lüge beispielsweise ist durch dieses Lügenpresse-Geschrei so krass besetzt. Wie kann man Unwahrheiten noch thematisieren ohne dabei Gefahr zu laufen von der Seite vereinnahmt zu werden oder dem zuzuarbeiten? Wie kann man tatsächlich über Korruption sprechen, ohne eine verschwörungstheoretische Elitenscheiße anzufüttern?

Im Zuge der NSU-Prozesse sind sechs Leute in der Zeugenschaft gestorben. Wo sind die denn hin? Wie willst du denn darüber sprechen, ohne dass es heißt, da ist eine Verschwörung im Gange. Oder diese ganze Antikriegsbewegung und die Montagsdemos bei denen es eigentlich um Frieden und Gerechtigkeit geht. Aber dann guckst du genauer hin und denkst: „Die sprechen von Frieden und von Freiheit? Das sind meine Begriffe, aber was machen die damit?“

So vieles wird gerade neu verhandelt, neu umkämpft, dass man gar nicht dazu kommt sich für Abhauen oder Widerstand zu entscheiden. Vielmehr ist man gezwungen, mitten rein zu gehen und daran mitzuwirken, dass die kulturelle Hegemonie nicht kippt und sich bestimmte Leute nicht einfach bestimmte Begriffe, Konzepte und Werte nehmen.

Es braucht die Power aus vielen Kehlen, vielen Köpfen, vielen Herzen und Bäuchen, um dem entgegenzuwirken.

Ich bin sonst kein Fan davon, Leute dazu aufzurufen, sich für eine Partei zu entscheiden und zu wählen, weil ich selbst die Parteienlandschaft ein bisschen oll finde. Aber dieses Jahr, zur Bundestagswahl, ist es verdammt wichtig wählen zu gehen! Ein paar Jahrzehnte werden wir hier noch rumrennen und solche (rechten) Entwicklungen wieder auszugleichen, das dauert Jahre.

Trump, Erdogan, von Storch… Konservativismus und Angstkultur haben Hochkonjunktur. Was glaubst du, woher sowas kommt? Gerade in Deutschland wo man eigentlich dachte, sowas passiert hier nicht mehr.

Das können verschiedene Dinge sein. Die ganzen 1933er Vergleiche, die auf einmal an ganz vielen Stellen wieder aufkommen zeigen für mich zum Beispiel, dass wir mit der NS-Aufarbeitung doch noch nicht fertig sind. Man könnte sich anschauen wie stark die deutsche Schuld an dem Mord von Millionen Leuten, an Kommunistinnen, Jüdinnen, Homosexuellen, sogenannten Asozialen, Euthanasie-Programmen, usw. ist. Warum war der Ruf danach, das alles hinter sich zu lassen, größer als der, dafür zu sorgen, dass es wirklich alle verstanden haben? Das darf sich nicht wiederholen. Die NSDAP wurde auch demokratisch gewählt. Warum wissen das nicht alle?

Ich glaube, dass es tatsächlich auch eine Frage von Wert ist. Was ist der Wert eines Menschen? Da heißt es einerseits, man solle doch an die Kinder denken. Die deutschen, weißen Kinder. Andererseits soll man sich von braunen Kinderaugen nicht erpressen lassen.

Es gibt da diesen Satz: „Erst, wenn man sich selbst wertschätzt, kann man auch andere Menschen wertschätzen“. Damit meine ich keine Auswüchse wie pathologischen Narzissmus, sondern einfach nur, dass das Sich-Selbst-Anerkennen und anerkannt werden ein guter Grundbaustein dafür ist, andere Menschen lieben und respektieren zu können. Wenn ich nicht unzufrieden bin, renne ich auch nicht wütend durch die Straße und finde alles scheiße. Das sind Dinge, die meiner Meinung nach auch mit drinstecken. Sozialisatorische Prozesse über Jahrzehnte.

Der amerikanische Philosoph und Politaktivist Cornel West sagt, man muss bewusst Eltern bzw. Familien entlasten und ihnen Raum geben. Das heißt auch finanziell entlasten. Das heißt alle, die sich für Kinder verantwortlich fühlen, wie auch immer sich Familie definiert, brauchen Zeit füreinander und dürfen nicht zermahlen werde zwischen Job, Arbeitslosigkeit, Existenzangst und allen diesen Dingen, die paralysieren und Panik machen.

Familien müssen weich, offen und durchlässig sein. Weil daraus kleine Menschen wachsen, die großherzig sind, die teilen und sich nicht beeindrucken lassen von dieser Panikmache. Und ich glaube, dass das in der Vergangenheit einfach oft schief gelaufen ist.

Konkurrenzkultur spielt auch eine große Rolle. Es wurde versäumt eine soziale Großzügigkeit zu schaffen und das fällt uns jetzt auf die Füße. Das sind verdrehte Logiken, in denen sich die Gesellschaft verfängt. Und das nutzen natürlich Leute für sich, nennen sich Advokaten des kleinen Mannes und arbeiten mit Ängsten, die es so eigentlich gar nicht geben dürfte. Was wir jetzt haben sind konkrete, reale Folgen von politischen Entscheidungen wie beispielsweise Hartz IV oder der Agenda Agenda 2010, 

Wie kann man dieser Angstkultur deiner Meinung nach entgegenwirken?

Ein Beispiel: Alexander Gauland hat gesagt, man müsse die Grenzen zumachen, sonst bekomme man das nicht mehr in den Griff. Man müsse die harten Bilder aushalten, man dürfe sich von Kinderaugen nicht erpressen lassen. Das heißt, er redet genau über eine Stelle, wo klar ist, hier geht Menschen das Herz auf und sie sehen die Not des anderen. Egal wo er herkommt, welchen Pass er hat, ob er eventuell vom IS gesandt wurde, erst einmal sehe ich Leid.

Dass Gauland das so stark adressiert sagt mir, dass das genau der Punkt ist, der eigentlich am wichtigsten ist. Ich will nicht sagen alle sollen sich an den Händen fassen, lieb haben, wir bilden eine Lichterkette und dann ist die Welt gerettet. So funktioniert das natürlich nicht. Aber ich glaube schon, dass Empathie und Herzensbildung voll wichtig sind. Die Christen würden dazu vermutlich Nächstenliebe sagen. Konkurrenzdenken abzuschaffen. Das ist etwas, das wir in uns stärker kultivieren müssen. Um langfristig etwas mit so viel Substanz zu schaffen, wogegen man nicht mal eben mit irgendeiner PR-Strategie ankommt.

Wovor hast Du Angst? Wovor nicht?

Ich habe Angst vor Vereinzelung, davor dass Menschen sich nicht mehr als Kollektive verstehen. Davor, dass sich Ständegesellschaften oder Kastenwesen stärker entwickeln.

Wovor ich keine Angst habe… Ich habe weder Angst vorm Altern noch Angst vorm Tod.

Ich habe da viel drüber nachgedacht in den letzten 2-3 Jahren. Ich hatte zuletzt auch persönlich viel mit dem Tod zu tun und habe festgestellt, dass das nichts ist, wovor ich mich fürchte. Ich glaube, dass die Angst davor so viel frisst, dass man das, was jetzt und hier da ist, gar nicht mehr genießen kann.

Ich würde gerne in diesem Leben hier Dinge genießen, auch wenn das gerade nicht so richtig einfach ist. Entweder weil ich bestimmte Sachen für so selbstverständlich halte, dass ich sie nicht mehr ausreichend wertschätze oder weil einfach bestimmte Bedrohungsszenarien im Raume sind.

Ich würde gerne das bisschen Zeit, das da ist, genießen. Ich bin jetzt 33 und fühle mich total fine damit. Diese 30er Grenze war für mich auch überhaupt kein Problem. Es ist halt so.

Irgendwann ist es sowieso vorbei. Und ich kann es halt überhaupt nicht beeinflussen, ob jetzt hier ein Meteorit runterkommt oder ein Reichsbürger mit der Kalaschnikov durch die U8 flitzt oder ob ich mit 102 im Kreise meiner Familie meinen letzten Atemzug tätige. Daher appelliere ich sehr dafür, den Tod stärker als solches ins Leben zu integrieren und die Angst davor zu verlieren.

Wäre das Leben unendlich, dann wäre doch alles total egal und würde an Wert verlieren.

Was macht Dir Mut? Was gibt Dir Hoffnung?

Mut und Hoffnung sind auf jeden Fall miteinander verbunden. Wenn Du Hoffnung hast, wirst Du auch automatisch mutiger. Deswegen würde ich dieses Begriffspaar gar nicht zwingend trennen.

Was ich wichtig finde voneinander zu trennen sind Optimismus und Hoffnung. Optimismus hat so eine Spur von Leichtfüßigkeit, die irgendwie kein wirklich solides Fundament hat.

Hoffnung hingegen hat da viel mehr Tiefgang. Wenn Du Hoffnung hast, weißt Du auch, wie sich Leid anfühlt. Das finde ich einfach substantieller und stärker.

Und woher nehme ich meine Hoffnung?

Ich lasse mich immer wieder von Menschen inspirieren, die an Gewissen Dingen nicht kaputtgegangen sind.

Meine Mutter beispielsweise hat nach dem Tod meines Stiefvaters mit so viel Würde und so viel Stärke die Situation gemeistert und sich da rausgekämpft. Obwohl ihr das Schlimmste passiert ist, was überhaupt passieren kann, hat sie es geschafft, sich danach wieder aufzurichten und nicht daran kaputtzugehen. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt und inspiriert.

Generell wenn es um das Thema Verlust geht. Menschen die einfach weitermachen, obwohl die Welt um sie herum gerade zerbricht. Das sind die Momente, in denen ich zutiefst mit Respekt ausgestattet daneben stehe und mit Mut und Hoffnung weiter für das einstehe, was mir wichtig ist.

Meistens ist es die Stärke anderer Menschen, die mich inspiriert und die mir Hoffnung gibt.

Intergenerationale Dialoge halte ich im übrigen auch für wichtig. Einfach mal mit Leuten sprechen, die schon ein paar Jahre länger hier sind als man selbst. Oder umgekehrt: Manchmal hast Du auch eine Elfjährige vor Dir stehen und denkst „Wow, woher weißt Du das? Du bist doch noch so klein.“ Es geht um Perspektiven. Perspektiven geben mir Hoffnung.

Der gegenwärtige Feminismus äussert sich durch ein sehr positiv aufgeladenes Machertum einer neuen Generation an Frauen. Wo früher die Fäuste in die Luft gehoben wurden, geht es heute eher mit einer leichtläufigen „Just Do It“ Mentalität nach vorne.

 Muss es immer der laute, manchmal auch nörgelnd wirkende Feminismus sein? Oder ist die männliche Ökonomie durch Taten eher zu unterwandern als durch Worte?

Ich glaube, dass auch diese „nörgelnden“ Kämpferinnen total wichtig waren und es auch immer noch sind. Die haben Wege abgetrampelt, auf denen wir es uns heute ein bisschen bequem machen.

In meinen Augen löst das eine das andere nicht unbedingt ab und das eine ist auch nicht unbedingt besser als das andere. Ich denke, dass genau das diesen Gegenwartsfeminismus auszeichnet: Dass er so unwahrscheinlich viele Gesichter hat, so viele unterschiedliche theoretische Bezüge, unterschiedliche Anwendungsfelder und unterschiedliche Debattenintensitäten. Das macht ihn stärker denn je.

Der Vielfaltsbegriff ist leider schon ein bisschen abgenudelt, aber diese Couleur, von der Du da sprichst, ist eher so ein Prisma. Es macht mir Spaß, das zu beobachten. Alle tragen in der ein oder anderen Form explizit dazu bei, dass sich etwas tut. Es gibt diesen Einheitslook nicht mehr und das in der Gesamtheit zu betrachten ist das Faszinierende.

Wir können so viel voneinander lernen. Über die feministischen Schulen hinweg, die unterschiedlichsten Theoriebezüge, die unterschiedlichsten Anwendungsfelder und auch die Intergenerationalität. Das ist eine Wahnsinns-Bereicherung und hat ein riesiges Potential. Ich bin total glücklich, genau jetzt in dieser Zeit mitmachen zu dürfen.

Den Begriff des Feminismus neu zu besetzen und dabei gleichzeitig die vorangegangenen Feminismen wert zu schätzen ist etwas, das mir leichtfällt und das ich total gerne mache. Feminismus ist für mich sowas wie ein Beruf oder meine Berufung. Ich habe da schon seit Ewigkeiten keine unangenehmen Gefühle mehr, wenn ich klar artikuliere „Ich bin Feministin.“ Ich merke auch, dass Leute da richtig Bock drauf haben, mit einzusteigen und sich einladen zu lassen, auch wenn die Innenkämpfe und internen Debatten manchmal noch etwas schwierig sind.

Thema interne Debatten: wir hatten im vergangenen Jahr die Situation einer bereits im Vorfeld emotional sehr hochgekochten Podiumsdiskussion mit dem Titel „Gute Lesbe, böse Lesbe“. Es ging dabei primär um die „Gesellschaftstauglichkeit“ lesbischer Klischees. STRAIGHT war auch dabei. Du musstest Deine Teilnahme leider kurzfristig absagen.

 Ja. Das war in dem Moment auch total schmerzhaft für mich, weil die szeneinterne Diskussion bereits im Vorfeld des Podiums emotional so erhitzt war, dass mir im Grunde gar nichts anderes blieb, als mich der Veranstaltung zu entziehen.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine wirkliche Möglichkeit mehr, überhaupt noch irgendetwas sinnvolles dazu zu sagen, das der Komplexität der Debatte gerecht geworden wäre. Deswegen habe ich abgesagt. Dazu war das alles einfach zu frisch und zu emotional.

Es hat eine Weile gebraucht, bis sich das bei mir gesetzt hat.

Rückblickend und mit etwas Abstand kann ich nun sagen, dass ich den Modus für etwas unfair gehalten habe, meine gesamte Arbeit auf einen Song einzudampfen, der für einige Menschen offenbar eine transfeindliche Interpretation zuließ.

Ich muss dazu sagen, dass ich diesen Song (Anm. der Red.: es ging dabei um den Song „If I had a dick“) komplett anders intendiert habe und beim Schreiben ganz andere Hintergründe und Gedanken dazu hatte. Mir Transfeindlichkeit nachzusagen, das ist komplett falsch. Das bin ich nicht. Ich bin weder Feindin von Weiblichkeit noch Feindin von irgendeinem Geschlecht. Ich bin auch keine CIS-Männer Feindin. Der Vorwurf der Transmisogynie war etwas, das mich sehr getroffen hat.

Auf der anderen Seite hat es mich auch sehr nachdenklich gestimmt, dass einer Meiner Songs offenbar so viel Potential für Fehlinterpretation zulässt. Ich habe ihn zunächst aus dem Programm genommen.

Doch ganz unabhängig von der (Fehl-)Interpretation des Songs… mich als ganze Person zu verwerfen, das fand ich nicht okay.

Es gab da diesen Facebook Kommentar „She´s a toxic person“. In diesem Moment dachte ich mir dann „Ich habe die letzten anderthalb Jahrzehnte für euch (und auch viele andere) mein Gesicht in den Wind gehalten, und das im patriarchalisch, anti-feministisch und teilweise auch homofeindlich organisierten Hip Hop Segment. Das war ein ganz schöner Kampf – doch ich habe da echt was bewegt und dafür gesorgt, dass sich da was tut.“ Da ist so ein Satz dann natürlich sehr verletzend.

Natürlich sind solche internen Debatten auch dazu da, von innen nach aussen Veränderungen zu schaffen. Die Frage ist jedoch, mit welchen Tönen man das am besten tut.

STRAIGHT etabliert ein neues Bild der modernen lesbischen Frau. Wir ernten viel Kritik dafür. Bevorzugt aus den eigenen Reihen wird uns vorgeworfen, uns aus Bequemlichkeit der heteronormativen Gesellschaft angepasst zu haben. Nur, weil wir eine andere Facette der lesbischen Identität bedienen? Wie stehst Du dazu?

Wichtig ist doch, dass wir alle für dasselbe Ziel einstehen und nach vorne gehen. Dabei sollte es keine Rolle spielen, wer wie aussieht, welches Klischee bedient oder welches Geschlecht für sich gewählt hat.

Wichtig ist, dass wir von allen Seiten und aus sämtlichen Perspektiven in dieselbe Richtung laufen und all unsere Power zusammennehmen anstatt uns gegenseitig die Energie zu rauben.

Wie wichtig sind Dir klare Zuschreibungen in Bezug auf sexuelle Orientierung und was können sie Gutes bewirken?

Ich glaube, dass Sexualität und Geschlecht hochgradig fluide Dinge sind. Es gab Momente in meinem Leben, in denen ich mir nicht sicher war, welcher Zuordnung ich mich zugehörig fühle. Mittlerweile bin ich mir da relativ klar und fühle mich mit der Idee der Pansexualität ganz wohl. In Bezug auf Geschlecht würde ich, wenn ich es mir aussuchen dürfte, eher von Femme als von Frau sprechen.

Das große Ziel ganz da vorne heißt nicht gesellschaftliche Akzeptanz, Identifikation oder Gleichberechtigung. Das sind nur mittelfristige Meilensteine. Das große Ziel lautet Selbstverständlichkeit. Gelebte Selbstverständlichkeit.

Der Weg dorthin ist zugegebenermaßen noch etwas weit. Dennoch können wir jetzt nicht einfach den zwölften Schritt vor den ersten setzen.

Um überhaupt erst einmal verstanden zu werden, braucht es zunächst genau diese essentialisierten Schubladen und Benennungen von LGBTQA+. Schubladen, die wir von innen heraus eintreten können, sobald die oben genannten Meilensteine erreicht sind, damit wir von da aus in die Selbstverständlichkeit übergehen können.

Wieviel Autobiografie steckt in dem Album? Der Track „Die Freundin von…“ zeichnet ein unsicheres, gedisstes Mädchen ab. Bist Du das?

Ja, das bin ich. Das ganze Album, das bin alles ich. Aber ich bin mir sicher, dass viele Andere es auch sind.

Wie sehr hat Dich diese Zeit geprägt?

Ehrlich gesprochen ist viel wieder aus meiner wachen Erinnerung verschwunden. Das hat sicher mit dem Cannabis-Konsum von damals zu tun. Aber in genau dieser Zeit liegen meine ersten politischen Gehversuche und auch meine ersten Experimente mit Hip Hop. Ich werde oft danach gefragt und somit immer wieder angehalten mich selbst zu diesen Jahren zu befragen.

Was hat das mit Dir gemacht?

Es hat mich über menschliche Entwicklungslinien nachdenken lassen. Wichtig ist ja nicht, wer wir sind, sondern wer wir geworden sind. Ich bin heute jedenfalls deutlich runder und besser mit als in Präpubertät, Pubertät und Postpubertät.

Wieviel trägt diese Phase zu Deinem heutigen Erfolg bei?

Ich bin vor allem froh, irgendwann aus diesen Abhängigkeiten, Gruppenzwängen und Coolness-Maßstäben herausgewachsen zu sein.

Außerdem bin ich verdammt glücklich darüber, den Sexismus, den ich damals sehr stark verinnerlicht und „nach unten“ weitergereicht hatte, losgeworden zu sein. Weibliche Solidarität kann ich heute nur so stark empfinden, weil mir diese Erfahrung früher so sehr fehlte.

Du bist nicht nur erfolgreiche Rap-Künstlern, sondern auch Mutter. Das sind zwei Fulltime Jobs. Wie lässt sich das vereinbaren?

Wenn Beyoncé das kann, dann kann ich es auch. Wenn ich Zwillinge erwarte, gebe ich euch Bescheid (lacht).

Das liebe Kind ist von einer großen Familie aus Eltern, Großeltern, Freund*innen usw. umgeben und hat viele Bezugspersonen. Ich trage die Verantwortung nicht allein. Was mich unweigerlich zu dem Punkt bringt, daran zu erinnern, was Alleinerziehende alles tragen. Der Staat muss ihnen den Rücken viel stärker freihalten. Diese Debatte muss erstens geführt werden und zweitens auch konkrete Ergebnisse bringen.

Was hat sich für Dich durch das Muttersein verändert? Sowohl persönlich als auch in Bezug auf die „Sicht auf die Welt“.

Vor allem sind Themen rund um sozialisatorische Prozesse für mich natürlich viel greifbarer als zuvor. Die naheliegende Rosa-Blaue-Falle ist ja nur ein Punkt darin. Auch die Frage, was Verantwortung heißt, hat sich viel tiefer in mir gesetzt. Und was es eben bedeuten mag, Liebe und Anerkennung als Wegbegleiterinnen auf dem Weg einer Persönlichkeitswerdung zu begreifen.

Ängstlicher bin ich nicht geworden. Ich hasse zwar Streit und Konflikte, aber ängstlich bin ich nicht. Ich will meinem Kind eine mutige Mutter sein.

Wie wichtig findest Du moderne, vielfältige Lebensentwürfe und -modelle für eine offene Gesellschaft?

Konservative Stimmen reden immer, als würden plötzlich allerhand kuriose Familienmodelle aus den Laboratorien der Gender Studies gezaubert. Dabei gibt es vielfältige Familienrealitäten schon immer. Sie sind nun endlich daran für ihre Sichtbarkeit, ihre Anerkennung und eben ihre Selbstverständlichkeit zu kämpfen.

Familie ist da, wo Menschen emotional verbindlich sind, voneinander lernen und bedingungslos lieben. So einfach ist das.

 

Das Album „Mortem & Makeup“ ist ab dem 17. März bei KrasserstoffAmazon und iTunes erhältlich.

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