Aufstand der Frauen bei Orange Is the New Black

Aufstand der Frauen – Orange Is the New Black

„Orange Is the New Black ist meine Schwäche“, schreibt eine STRAIGHT-Leserin als die Serie in Deutschland zum fünften Mal startet. Sie habe bereits sechs Stunden im Bett verbracht: Streaming an, loslegen mit der Staffel. Alle Folgen durchsehen. Am Stück. Mit dieser Sucht ist sie nicht alleine. Millionen Menschen – darunter sicherlich viele (frauenliebende) Frauen – sind dem Leben im Frauenknast von Litchfield verfallen. Die Fans werden also auch den Aufstand der Frauen verfolgen und die neuen Folgen schnellst möglich verköstigt haben. Danach macht sie nur ein Gedanke froh: Zum Glück kommt Staffel sechs, wenn auch erst 2018.

Die Faszination an Orange Is the New Black (OITNB) hat Gründe: Die Hauptrollen gehören den Frauen, die mal paradox, mal undurchschaubar handeln. Die Themen sind vielfältig, fern und uns dennoch so nah. Sexualität wird in ihren verschiedenen Facetten gezeigt, Rassismus, Verschiedenheit, Ungerechtigkeit, Drogenexzesse und Krankheiten spielen genauso eine Rolle, wie Religion. OITNB bringt all das unter, wo sich andere Serien schon an deutlich weniger abmühen. Die Serie ist klug erzählt, echt, konfliktreich. Kurz: verdammt guter Stoff.

Orange Is the New Black – Aufstand für Rechte

In der fünften Staffel feiern Piper und ihre Knastschwestern den Aufstand. Sie rebellieren gegen die immer prekärer werdenden Verhältnisse in Lichtfield. Unterdrückung und Ungerechtigkeit sind mittlerweile qualvoller Alltag geworden. Die Insassinnen – so verschieden sie auch sind – stehen auf, sagen: mit uns nicht! Sie kämpfen hemdsärmlig gegen Schikanen der Gefängnismitarbeiter*innen  und für ihre Rechte. Sie sind mutig und werden aktiv. Und sie überschreiten Grenzen. Stichwort: Riot. In Staffel fünf gilt: Wir haben die Macht. Den Knast haben wir in der Gewalt – auch die Wärter*innen!

Orange Is the New Black trifft den Zeitgeist. Es geht um Frauen, die aufstehen und für ihre Rechte kämpfen, um Frauen, die sich nicht länger sagen lassen, was gut für sie ist. Regisseurin Jenji Kohan hat ein Werk geschaffen, das progressiver Vorreiter ist. Denn Orange Is the New Black hat ganz nebenbei das Lesbisch-/Queersein in den Mainstream gebracht. Die Serie zeigt Frauen und Weiblichkeit so facettenreich, wie das Leben spielt und verzichtet dabei auf dröge Klischees. Obendrein lässt Kohan die Protagonistinnen erstarken. OITNB ist Fiktion. Klar. Aber es bringt die Lebensrealität aus weiblicher Perspektive auf den Bildschirm. Danke, Netflix, dass du uns damit beglückst und bestätigst. Denn auch im wahren Leben gibt es sie: die streitbare Frauen mit Macht. Frauen wie wir!

„Pfeif auf Erwartungen“ – Theresa Lachner setzt auf sich

Theresa Lachner von Lvstprinzip

Die Journalistin pfeift auf Konventionen und Erwartungen. Jahrelang lebte sie als Digitalnomadin ohne eigene Wohnung, betreibt den Blog Lvstprinzip, in dem sie zeigt, wie vielfältig Sex sein kann und schreibt ein Buch über die Selbstliebe. Denn diese nicht ganz einfache Eigenzuwendung musste sie ebenfalls erlernen. Trotz aller Female Empowerment-Artikel, in denen versichert wird: es braucht keine Kleidergröße 34 bis 36 um mit sich zufrieden zu sein, kann Theresa Lachner – Frau mit Kleidergröße 40/42 bei Körpergröße 1,80 m trägt – anderes berichten. Sie bekommt ständig ungebetene Kommentare oder Ratschläge zu ihrer Figur. Oft auch von Frauen. Wie die Frauen aus der Netflix-Serie Orange Is the New Black, wo mit einem Aufstand im Knast für Gerechtigkeit gekämpft wird, knöpft sich die Wahl-Wienerin die Leute mit Erwartungen per Medien vor. Ein Austausch mit Theresa über Erwartungen.

Warum wurdest du ein böses Mädchen?

Ich kann mich eigentlich an keinen Zeitpunkt meines Lebens erinnern, an dem ich nicht gegen irgendwas rebelliert hätte. Dass liebsein und malen nach Zahlen einem im Normalfall keine Treuepunkte bringen, von denen man sich dann irgendwann ein Eis kaufen kann, wurde mir allerspätestens dann endgültig klar, als ich mich 2015 mit Lvstprinzip selbstständig gemacht habe. Aber das ist auch in Ordnung. Auch an anderen Menschen faszinieren mich nämlich auch nie die Geradlinigkeiten, sondern die Brüche. Schulmädchenbritney oder Glatzenbritney? Dreimal darfst du raten!

Wer hat dir beigebracht, wie ein gutes Mädchen zu sein hat und wie sahen die Erwartungen aus?

Ich denke, das bekommt man allerspätestens in der Schule eingetrichtert, oder? Brave Mädchen sind hübsch, nicht sexy, und schon gar nicht sexuell. Ein braves Mädchen schreibt gute Noten, damit es dann auch später mal einen guten Job bekommt. Ich bin komplett inselbegabt und in Naturwissenschaften eine komplette Niete, kann nur Sprache, sonst nix. Mein Mathelehrer hat mir jahrelang ausgemalt, dass ich später mal unter der Brücke landen werde – heute denk ich mir, na ja meine Güte, da sind immerhin öfter mal gute Raves, und so lange die Brücke in Bali steht, solls mir recht sein.

Welche Erwartung hat die Gesellschaft an Frauen?

Frauen sind gepflegt, rasiert, für jede Gelegenheit angemessen gekleidet und lauschen begierig, wenn Männer ihnen die Welt erklären. Sie sind natürlich sexuell offen, aber auf keinen Fall offenherzig und schon gar nicht übertrieben erfahren, denn Sex ist etwas, das ihnen der Mann schenkt, genau wie Orgasmen. Sie sollten sich erst mal etwas bitten lassen, aber nicht zu sehr, und es dann schon auch gut finden, aber auch nicht allzu gut. Frauen haben außerdem alle eine biologische Uhr, die ab spätestens dreißig ganz laut tickt. Dann werden sie entweder nervig, weil sie unbedingt Kinder wollen, oder sie sind irgendwie seltsam unnatürlich und unweiblich, wenn sie keine wollen.

Welche Erwartung an Frauen wundert dich heute am Meisten?

Mit welcher unglaublichen Selbstverständlichkeit immer noch davon ausgegangen wird, dass Frauen für den Fortbestand der Menschheit verantwortlich sind. Obwohl längst klar ist, dass die biologische Uhr beim Mann exakt genauso tickt wie bei der Frau und die Fertilitätskurven exakt dieselbe ist, ist irgendwie klar, dass die Frau für die Empfängnis und genauso für die Verhütung derselben verantwortlich ist, dem Mann ein Kind „anhängen“ will und zur Verantwortung gezogen wird, wenn die Geburtenrate „Pro Frau“ in Deutschland mal wieder sinkt. Dass zum Babymachen immer zwei gehören wird da sehr bequem ausgeblendet, genau wie die Tatsache, dass die Pille für den Mann längst entwickelt ist, aber die schrecklichen Nebenwirkungen wie Schwindel und Kopfschmerzen, über die jede Frau die jemals hormonell verhütet hat, nur die Schulter zucken kann, die Zulassung verhindern.

Auf was pfeifst du?

Ich habe gelernt, dass es förderlich für meine geistige Gesundheit und die Qualität meiner Arbeit ist, wenn ich mich auf den Prozess konzentriere und nicht auf die Reaktion. Elizabeth Gilbert, eine meiner Ikonen, schreibt in „Big Magic“ davon, dass man den Text nach der Veröffentlichung in die Welt entlassen muss und sich nicht darum kümmern darf, was die Menschen mit ihm machen. Das gilt für die meisten Dinge in meinem Leben – ich versuche, sie zu genießen anstatt sie zu bewerten, geschweige denn, sie von außen bewerten zu lassen.

Was erwartest Du eigentlich von Frauen?

Gnadenlose Eigenverantwortung für sich selbst, den eigenen Körper, die Sexualität und das ganze Leben. Ein Orgasmus ist etwas, was man hat, nichts, was einem von jemand anderem gegeben wird. Lernt euch selbst in jeglicher Hinsicht so gut kennen wie ihr könnt und steht für eure Bedürfnisse ein. Wer die eigene Passivität verlässt, dem fällt es auch leichter, andere Menschen zu unterstützen und zu pushen.

Welchen Typ Frau verachtest Du?

Verachtung ist ein starkes Wort, sagen wir mal: ich empfinde wenig Empathie für die vom Leben enttäuschten in ihrer selbstgewählten Opferrolle, die andere Frauen kleinreden müssen, um sich selber ein kleines bisschen weniger scheiße zu finden. Genau an solchen Frauen scheitert der Feminismus.

Was können andere Frauen von Dir lernen?

Wie überaus praktisch, dass ich gerade an einem ganzen Buch zu diesem Thema schreibe! Da „Selbstliebe“ inzwischen als kommerzialisierter Wert an sich wie Kräuter der Provence über so ziemlich jedes Thema gestreut wird, ohne dass irgendwer eigentlich weiß, worum es wirklich geht oder was das bringen soll, hier ein paar pragmatische Ideen, die weniger scheiße sind: Gönn dir von allem das beste, das gilt vor allem für Sextoys und Lebensmittel. Kauf dir ein geiles Kochbuch und lerne, dich selbst so gut zu er-nähren wie möglich. Unfollowe gnadenlos und minutiös jedem Instagram- und Facebook-Account, der dir ein mieses Selbstwertgefühl gibt. Schlaf, als wäre schlafen dein Job, denn irgendwie ist es auch so – nur wer sich zwischendurch auch mal erholt, kann das Patriarchat stürzen und die Weltherrschaft an sich reißen. Behandle dich selbst so, wie du deine beste Freundin behandeln würdest – liebevoll, ehrlich, aber niemals abwertend.

Welche Rolle schreibst du dir im Feminismus zu?

Feminismus war für mich schon immer ein Hinterfragen der gängigen Konvention. Dieses „ach echt, wieso?“ auf „das macht man eben so“. Genau das will ich mit meiner Arbeit auch erreichen. Die schönsten Komplimente, die man man mir für einen Text machen kann, ist „du hast mich zum Nachdenken gebracht“ oder „endlich habe ich Worte für das, was mir schon so lange im Kopf umgeht“. Wenn sich nur eine Frau beim nächsten Sextoy-Kauf für ein Teil entscheidet, das nicht krebserregend ist, nur eine ihrem nächsten ignoranten Tinderdate seine eigene biologische Uhr um die Ohren haut, wenn es nur ein Mann nicht selbstverständlich findet, dass seine Freundin eh die Pille nimmt, und sich alle in ihrer Sexualität und in ihren Körpern ein kleines bisschen wohler fühlen, hab ich nen guten Job gemacht.

Hypothetisch: wir würden von dir lesen, du bist im in einem Gefängnis wie Litchfield gelandet. Was hättest du dann für eine Straftat angestellt?

Erregung öffentlichen Ärgernisses – oder wie ich es nennen würde: Spontanität.

STRAIGHT mit starken Frauen. Unser Serie mit:

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