Lesbische Frau übers Coming-out

Ist doch nicht schlimm

Die Erfahrungen mit dem Coming-out. Neues aus Lesbenhausen von Tessa Weiß.

Erst neulich wieder hatte ich die Situation mit einem neuen Kollegen: „Hast du Familie oder einen Freund?” Ich: „Nein.” Dann überlegte ich einen Moment und sagte, „wenn dann wäre es bei mir eine Freundin.“

Beim ersten Mal war es noch ein großes Thema, mit der Zeit verliert es an Bedeutung und doch kommt es immer wieder vor: Wir „outen“ uns anderen Menschen gegenüber. Dabei stoße ich mich immer wieder an der Begrifflichkeit „Coming out“, die Reaktionen darauf sind vielfältiger und mitunter treten auch Reaktionen auf, die mich sprachlos und wütend machen. Natürlich würde ich mir mehr Selbstverständlichkeit wünschen. Aber gut wir sind halt nur zehn Prozent, da muss man als frauenliebende Frau der Mehrheit gegenüber eben Position beziehen und so bekommt das Private auch eine politische Komponente. Kann ja auch eine gute Sache sein.

„Aber was sollen die Leute sagen?“

Die „großen Outings“ im engsten Umfeld dürften mittlerweile bei den meisten von uns gelaufen sein. Dieses große Feuerwerk der Offenheit ob der sexuellen Präferenz wurde in der Regel meist lange vorbereitet. Es wurde auf „günstige“ Momente gewartet, die sich besonders eigneten, es wurden verschiedene Varianten im Kopf durchgespielt, um den Eltern zu sagen, dass es dann doch eher Frauen sind, die das Herz höher schlagen lassen. Eltern reagieren wahrscheinlich sehr unterschiedlich auf unsere Offenbarungen. Natürlich kommt das Kinderthema aufs Tablett. Die Hoffnung auf Enkelkinder wird abgeschrieben oder auf die heterosexuellen Geschwister übertragen. Das hat möglicherweise den entlastendenden Nebeneffekt für das homosexuelle Kind, sich in aller Ruhe der Kinderplanung widmen zu können, ohne penetrantes Nachfragen seitens der Eltern ertragen zu müssen. „Aber was sollen die Leute sagen?“, ist auch eine häufige Reaktion. Hier rückt das (mühsam) aufgebaute Familienansehen in den Fokus, das durch die lesbische Tochter droht, ramponiert zu werden. Ich weiß, dahinter steckt oft nicht nur die Sorge ums Image, sondern auch vor allem die Angst, dass die eigenen Kinder Nachteile erfahren könnten, da sie mit Vorurteilen konfrontiert werden. Das finde ich nachvollziehbar und es zeugt durchaus von Liebe und Fürsorge seitens der Eltern. Gegen diese elterlichen Schwitzattacken helfen zum Glück positive Erfahrungen z.B. Verwandte, die auf Familienfesten keine Scheu, sondern einen selbstverständlichen Umgang mit der Tochter und ihrer Partnerin zeigen.

„Sag’ ich’s jetzt oder nicht und wenn, dann wie?“

Alle Outings außerhalb des engen Umfeldes ergaben und ergeben sich dann peu à peu. Viele Reaktionen darauf sind entspannt, die ganz negativen zum Glück sehr selten. Aber ich räume gerne etwas Grundsätzliches ein: Jedes Mal überlege ich, wie bei dem Kollegen, zumindest für einen kurzen Moment: : „Sag’ ich’s jetzt oder nicht und wenn, dann wie?“ Schwierig ist dann die vermeintlich gutgemeinte Reaktion: „Ist ja nicht schlimm.“ Das ist deswegen so dämlich, da es folgende Fragen mit sich bringt: Habe ich jetzt einfach mächtig Glück gehabt, dass es Menschen gibt, die es nicht „schlimm finden“, wenn ich mich in eine Frau verliebe und damit glücklich bin?! Ist es ein Zeichen dafür, wie tolerant, liberal und weltoffen die Person ist, die es nicht schlimm findet, wenn Frauen Frauen lieben? Sollte ich mich damit besser fühlen, weil ich weiß, dass es eigentlich noch so viel Schlimmeres gibt, als das? Unschlüssig bin ich dagegen, wenn jemand sagt: „Ist mir doch egal, mit wem du ins Bett gehst.“ Ich halte inne und stelle fest: Jawohl, es sollte wirklich egal sein. Ein schlüssiger Ansatz. Für mich ein natürlicher. Auf der anderen Seite bedeutet Lesbischsein ja nicht nur, mit einer Frau ins Bett zu gehen. Es ist doch eindeutig mehr als dieser scheinbar ständig alles überstrahlende körperliche Akt, in dem Frauen ja laut Besserwisser noch nicht einmal „richtigen Sex“ miteinander haben. Mein Ärgernis also: Die Ansage, „ist mir egal, mit wem du Sex hast“, impliziert für mich eine unnötige Sexualisierung – so, als würde mein Liebesleben nur aus Sex bestehen. Macht doch auch kein Mensch bei Heteros!
Aber was ist dann eine gute Reaktion? Mein Kollege sagte auf meine Antwort hin, „Ah, okay“. Mehr nicht. Finde ich wiederum voll okay. Am schönsten fand ich aber die Reaktion der Schwester einer Freundin. Als diese ihr sagte, dass sie sich in eine Frau verliebt habe, antwortete ihre Schwester schlicht: „Wie schön, ich dachte schon, du verliebst dich gar nicht mehr.“ Und das ist die Reaktion, die genau das Richtige thematisiert: Unsere Gefühle.

Headerfoto: Adrianna Calvo / Pexels

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