Humor ist ein Indikator für Intelligenz | STRAIGHT Magazine

Humor ist ein Indikator für Intelligenz

Fast 20 Jahre liegt Róisín Murphys Dance-Hit „Sing it back“ zurück – damals performte die Irin noch als Duo zusammen mit ihrem Ex-Lebensgefährten, dem Komponisten und Produzenten Mark Brydon. Seit dem aus von Moloko im Jahr 2003 ist die 43-Jährige vor allem als Solo-Künstlerin aktiv und hat gerade ihr viertes Studioalbum veröffentlicht: Das großartige „Take her up to Monto“. Ihre Songs sind wie gewohnt eingängig, aber nie simpel. Sie überzeugen sofort, aber wachsen mit jedem Hören weiter.

Róisín Murphy hat und kann einfach alles: Sie ist nicht nur eine phänomenale Songwriterin, sondern auch eine sensationelle Live-Performerin und seit neuestem auch noch Regisseurin ihrer eigenen Videos. Die zweifache Mutter sieht immernoch hinreissend aus und hat einen einzigartigen, extravaganten und eleganten Stil. Im Interview besticht sie mit Klugheit, Herz und Humor – und klingt dabei wie ein irischer Bauarbeiter, mit dem man im Pub ein Ale zwitschert. STRAIGHT Musikfrau Alexandra Friedrich hat die sympathische Pop- und Fahion-Ikone in Berlin zum Gespräch getroffen und sich verliebt.


 Du hast 2015 „Hairless Toys“ veröffentlicht, nach einigen Jahren Auszeit vom Musikgeschäft. Wie war das letzte Jahr für dich? Wie hat es sich angefühlt, zurück im Business zu sein? Vieles hat sich verändert…

Oh ja, eine ganze Menge hat sich geändert. Aber es gefällt mir besser so, es ist gut, so eigenverantwortlich arbeiten zu können und dass ich meine eigene Vision schaffen kann – nicht nur musikalisch, sondern auch visuell und in jedem anderen Bereich. Mir hat nie jemand vorgeschrieben, was ich in meiner Karriere tun sollte, aber jetzt bin ich noch fokussierter und die Art, wie die ganze Industrie heutzutage funktioniert, hilft mir dabei.

Vor ein paar Jahren wäre es noch verrückt für mich gewesen, bei meinen eigenen Videos Regie zu führen oder ähnliches, aber es erscheint mir ein sehr viel natürlicher Weg, wie diese Dinge heute getan werden. Alle sind ein bisschen mehr so wie ich es bin: interessierter an der ganzen Bandbreite des kreativen Schaffens. Und wir haben Technologie, die einfach zugänglich sind, so dass es nicht mehr so kostspielig ist, zu drehen und zu schneiden. In vieler Hinsicht sind diese Umstände sehr befreiend, dass Du nicht den großen Druck der riesigen Musikindustrie und Budgets von Hunderttausenden Pfund für dein erstes Video hast. Die Dinge sind ein bisschen verdichteter heutzutage und das passt zu mir.

Also ist es für dich eine gute Entwicklung, mehr oder weniger. Ich kenne einige, die sich die alten Tage zurückwünschen.

Tun sie? Nein, sie wollen nicht wirklich zurück dahin. In den 90ern gab es diese Art von männlicher, väterlicher Beziehung zwischen jemandem wie mir und einer Plattenfirma. Das war kompletter Unsinn, etwas, womit ich heute nicht zurecht kommen würde. Ich habe nicht mehr die Geduld für all das heute, aber damals musste man damit leben.

Meinst du, es ist auch heute noch schwieriger für eine Frau, im Musik-Business zu arbeiten?

Es gibt nicht viele Frauen, die im Musik-Business arbeiten. Es gibt immer noch nicht genug weibliche Produzenten, Ingenieure, überhaupt Frauen auf der technischen Seite der Musik. Es scheint noch immer eine große Hürde zu sein, die wir überwinden müssen.

Du hast eine Tochter. Wie siehst du ihre Zukunft? Denkst Du, für sie wird es anders sein?

Ja. Wir sehen jeden Tag Gender-Konzepte zusammenbrechen, ich finde das faszinierend. Menschen sprechen über die 60er als eine aufregende Zeit, aber verglichen zur Gegenwart war das gar nichts. Ich finde, in den 90ern waren wir eher reaktionär. Die Leute gingen einige Schritte rückwärts im Vergleich zu den 70ern. In dieser Zeitspanne zwischen den 70ern und den 90ern wurden alle so seriös, so ernst, sie trauten sich weniger, zu experimentieren, die Geschlechter-Grenzen hörten auf, zu verschwimmen. Männer waren Männer und Mädchen waren Mädchen in den 90ern. Das ist passiert zwischen den 70ern und 90ern und jetzt sind wir wieder zurück an dieser Stelle, auf eine etwas andere Art. Die Kids akzeptieren keine Stereotypen mehr – das passt nicht in ihre Welt, wie sie heute ist. Man sieht das in allen Medien: die Kulturen von trans, gay und hetero, unsere Kultur, die Musikkultur.. all das durchdringt sich gegenseitig und ist miteinander verwoben. Es passiert etwas ganz Interessantes, es ist wie eine Revolution – da passiert definitiv eine Gender-Revolution – einerseits. Natürlich gibt es auch Extremisten und eine extreme Reaktion darauf, Frauen komplett in Schwarz gekleidet, die sich verstecken müssen, das gibt es auch. In meiner Lebenswelt gibt es aber viel weniger Grenzen zwischen Mädchen und Jungen als je zuvor.

Lass uns über dein neues Album sprechen. Nur ein Jahr ist seit dem Release des letzten Albums vergangen. War das so ein produktives Jahre oder sind die neuen Songs Ausschussware oder B-Seiten der vorherigen Sessions?

Wir haben angefangen, zusammen zu arbeiten, Eddie und ich.. ich kenne ihn seit 20 Jahren, er war auf Tour mit mir, er war mein musikalischer Leiter, wir sind einander so vertraut, beste Freunde. Wir gingen also zusammen ins Studio und es kam so schnell, so viel dabei heraus. Wir haben zwei, drei Songs am Tag geschrieben. Und an einem bestimmten Punkt dachten wir: „Was machen wir mit all diesen Songs?“ Bevor wir überhaupt diese Schreibsession beendet hatten, entschieden wir, dass es zwei Alben werden, dass es ein Geschwisterkind geben würde, ein Geschwisterpaar.

Dann stellte sich die Frage, welche Songs wir zuerst beenden würden, welche wir auf dem ersten Album veröffentlichen wollen. Und ich denke, dass wir instinktiv, unbewusst die Songs ausgewählt haben, die uns weniger einschüchterten, als diejenigen, die wir für die zweite Runde aufgehoben haben. Und in mancher Hinsicht ist „Take Her Up To Monto“ ein extremeres Album. Ich denke, wir hatten ein bisschen Angst, den Berg eines Songs wie „Mastermind“ zu erklimmen oder fürchteten uns vor der Poppigkeit eines Songs wie „Ten Miles High“.

Das führte dazu, dass auf dem zweiten Album, mehr Extreme zu finden sind. Es ist extremer, weil die Songs weiter voneinander entfernt sind. Ich erzähle das die ganze Zeit und vielleicht ist es ein bisschen albern, aber wenn es deine zwei Kinder wären, wäre das eine das nette, sensible Kind und das andere ein bisschen verrückter, mit einer heftigeren Persönlichkeit.

Ich liebe das neue Album – zum Beispel den Song „Pretty Gardens“. Du nutzt all diese Gegensätze: Lüge/Wahrheit, Entblößen/Verstecken, Symmetrie/Asymmetrie… Perfektion und das Unperfekte sind auch ein großes Thema. Ich finde es interessant, dass Menschen immer versuchen, selbst perfekt zu sein, obwohl sie eigentlich das Unperfekte an Anderen lieben.

Ja, das ist wahr.

Was hat dich zu diesem Song bewogen, was ist die Geschichte dahinter?

Ich denke, der Song ist sehr bezeichnend für die Zeit, in der ich mich gerade befinde – als eine kreative Person. Eine Zeit, in der ich einfach loslegen und sagen kann: „Das bin ich, nimm mich so oder lass es bleiben!“ Und auch in der Zusammenarbeit mit Eddie forderte ich nicht: „Eddie, kannst du mal kurz aufhören, wie Calvin Harris zu klingen und versuchen, ein bisschen mehr so und so zu sein?“. Ich sage: „Du bist du und ich bin ich“.

Weil ich zu alt bin und zu weise heute, um gegen den natürlichen Fluss der Dinge zu kämpfen. Das passiert so, wenn Frauen älter werden. Sie fangen an oder jedenfalls ist es das Ideal, dass du beginnst, wirklich in dir zu Hause zu sein. Und darum geht es in dem Song: dass ich es genieße, mit mir selbst im Reinen zu sein. Das bin ich, ohne Makeup „telling bare face lies“, weißt Du? Das ist genau, wer ich bin.

Bezüglich „Ich bin, wer ich bin“, fällt mir ein, dass ich in einem Interview gelesen habe, dass Du nicht wirklich das Konzept von Authentizität magst…

Ich denke einfach, dass Authentizität überbewertet wird. Sie wurde überkommerzialisiert, weißt Du? Ich habe gegen diese Idee gekämpft und ich reagiere auf dieses Thema seit den 90ern: ernst genommen werden müssen, seriös aussehen müssen, sich ernsthaft geben zu müssen. Man darf sich für nichts Frivoles wie Klamotten oder Performance interessieren. Und das ist lächerlich – du musst vorgeben, nicht zu spielen, während Du spielst, authentisch zu sein. Ich finde das unsinnig. In den 90ern, als ich loslegte und in einem roten Jumpsuit, Ledercatsuit oder was auch immer herumlief, verwirrte das: „Wer ist die, was soll das?“. Sogar Menschen aus der elektronischen Musik, aus der Sparte, in die meine Musik gehört, waren sehr sehr ernst die ganze verdammte Zeit. Und mein natürlicher Zustand ist ein sehr reaktiver, ich ziehe sehr oft kreative Energie daraus, gegen Dinge zu reagieren. Und ich fand dieses Konzept immer sehr nervig und engstirnig, eine sehr einfältige Art, etwas zu verkaufen: Authentizität interessiert mich nicht. Ich denke, man sollte aufhören, über Authentizität nachzudenken. Es ist wie atmen: entweder du atmest oder du atmest nicht. Entweder du bist authentisch oder du bist es nicht. Weißt du, was ich meine?

Auf jeden Fall [beide lachen laut]. Es scheint mir, dass Humor eine große Rolle in deiner Arbeit spielt. Stimmt das?

Ja, ich mag Humor, ich mag humorvolle Menschen und ich habe die Tendenz, Menschen danach zu beurteilen, also nicht zu verurteilen! Ich neige dazu, Menschen anzuziehen, die einen Sinn für Humor haben und ich finde, Humor ist ein Indikator für Intelligenz.

Es gibt aber auch dunklere Stücke auf deinem neuen Album. Zum Beispiel den ziemlich pessimistischen Song „Thoughts wasted“, mit diesem Spoken Words-Part am Ende: „There’s no way to be good, there are simply a million ways to be more or less bad. And humans are fucked“. Ist das die Art, wie du die Welt siehst?

Manchmal (lacht). Manchmal. Ich meine, oft bin ich wirklich positiv gestimmt und ich mag den Moment, in dem ich lebe – historisch betrachtet. Ich möchte wirklich in keiner anderen Zeit und an keinem anderen Ort leben. Und wie ich schon sagte, ich denke, dass da gerade Bahnbrechendes passiert, Grenzen werden jeden Tag überall eingerissen in dieser Zeit. Ich finde das faszinierend. Ich denke, es gab aber keine Zeit, in der die Menschen nicht „fucked“ waren. Ich denke, es gab nie eine perfekte Zeit, ein Mensch zu sein, weil es so etwas wie einen perfekten Menschen nicht gibt. Aber das ist in Ordnung. Das ist okay.

„Hairless Toys“ – der Titel Deines letzten Albums – war das Ergebnis eines Missverständnisses, habe ich gelesen. Was ist mit dem Titel des neuen Albums: „Take Her Up To Monto“?

Das kommt aus meiner Kindheit, als ich in Irland aufwuchs. Es ist ein irisches Lied. Mein Vater sang es für mich beim Wandern. Er tut es immer noch, wenn wir wandern. Es ist in diesem Schritttempo: „Take a look to Monto, Monto“ [singt und klopft im Takt dazu]. Das ist es, was mein Dad und ich singen, wenn wir die Straße entlang gehen. Also ist es Teil meines Rhythmus’. Es ist dieses irische Ding, meine Art zu sagen: Das bin ich, das ist, wer ich bin. Ich bin eine irische Frau, die in den 70ern und 80ern in Irland aufgewachsen ist. Die dann nach Manchester gegangen ist und dort zufällig Musikerin wurde und jetzt wieder zufällig zu einer Gesamtkünstlerin wird. Das ist ein großer Teil von mir. Jemanden, der Musik macht wie ich, respektiert man nicht als irisch. Außerdem ist es ziemlich lustig, die irischen Reaktionen darauf zu sehen, weil es ein sehr populärer Song in Irland ist. [Verstellt die Stimme, klingt hoch und hysterisch] „Wie nennt sie ihre Platte?!? Singt sie Monto?!?!“ [lacht sehr laut] Und ich dann so: „Ja, ich bin deine Tochter. Ich bin Róisín Murphy und ich trage einen irischen Namen. Denk drüber nach! (lacht wieder)

Róisín Murphy, Straight magazine

 

Du sagtest, Du seist zufällig zur Musik gekommen. Hast du dir jemals annähernd vorstellen können, dass du mal ein so ein Leben führen würdest?

Als Heranwachsende wollte ich bildende Künstlerin werden und ich war dabei, am College Kunst zu studieren. Und dann traf ich Mark [Mark Brydon – mit dem sie später Moloko gründete und eine mehrjährige Liebesbeziehung führte]. Etwas Kreatives zu machen und dafür bezahlt zu werden, das war zu verlockend, also verließ ich die Uni. Ich habe aber immer versucht, den visuellen Aspekt zurück in meine Arbeit zu bringen, weil er Teil von mir ist. Also ja: Ich habe all das überhaupt nicht erwartet.

Ich hatte eine große Erleuchtung, als ich die Arbeit von Cindy Sherman kennenlernte. Diese Idee, sich zu verkleiden und in Schale zu werfen, Werkzeuge und Dinge zu nutzen, auf die herabgeschaut wird, die als weniger authentisch abgewertet werden, Dinge, die aus der Fantasie stammen. Fantasien auf eine freudvolle Art nutzen, um etwas zu erschaffen, etwas Neuartiges zu machen, zu erbrechen, um zu nutzen, was Du in Dir hattest.

Es war in den 80ern, ich war etwa 14, als ich ihre Arbeit zum ersten Mal sah und es war eine solche Befreiung, weil es immer noch dieses Ressentiments gab, dass ernstzunehmendes kulturelles Schaffen von Frauen ausschließlich feministisch sein musste und dass Feminismus nicht glamourös war. Ich verkleidete mich gern und putze mich heraus mit dem Kleiderschrank der Mutter, seit ich etwa so groß war [zeigt etwa einen Meter über die Erde]. Und für mich als kleines Mädchen sah der Feminismus aus wie die Hölle. Wie die Hölle auf Erden – nicht fantasieren zu dürfen, nicht sexy sein zu dürfen, nicht völlig am Leben zu sein zu dürfen. Und dann sah ich diese Sache und es wurde eine riesige Schleuse geöffnet. Diese Filme und diese Bilder entsprachen meiner Fantasie und ich sehe das in vielen großartigen Künstlerinnen. Künstlerinnen haben mich schon immer fasziniert, mehr als es Männer als Künstler tun. Sie haben diesen Reiz und da ist ein Politizismus, der für männliche Künstler heute schwierig zu erreichen ist. Wir sind so verwöhnt – vor allem im Westen, in Dublin, in London. Ich bin froh, eine Frau zu sein, weil ich wenigstens das habe. Wenigstens ist das nicht leicht für mich, wenigstens fällt mir nicht alles einfach zu. Ich muss wenigstens ein bisschen kämpfen.

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