Anne Will ein sichtbares Vorbild für Selbstverständlichkeit

Anne Will ist ein Vorbild für Selbstverständlichkeit

Anne Will – Oft habe ich schon über diese Frau gesprochen. Beim Fernsehen, beim Small Talk auf Partys, bei Talks auf der Bühne. Jetzt schreibe ich über sie. Anne Will ist ein Vorbild. Englisch, ein role model für Frauen, die Frauen lieben und ich erkläre gerne warum.

Ich bin groß geworden mit sichtbaren lesbischen Frauen in der Medienlandschaft wie etwa Hella von Sinnen. Keine Frage, eine grandiose Entertainerin, aber mit ihren glänzenden Ganzkörperanzügen war sie für mich eher ein Abbild eines Hausmeisters (oder dann eben einer Hausmeisterin) und machte es mir unmöglich, mich in ihr identitär zu spiegeln. Und dann gab es noch die “böse” Tennisspielerin namentlich Martina Navratilova. Antagonistin von Steffi Graf, die ich wiederum heiß und innig liebte. Diese sichtbaren frauenliebenden Frauen empfand ich als junge Frau als totales Hemmnis auf dem Weg zu einem emanzipierten selbstbewussten Umgang mit meinen Gay-Anteilen. Ich konnte unmöglich einen Herzschlag für Frauen haben wie diese Damen aus dem Fernsehen. Die eine Ulknudel, die andere der personifizierte Kinnhaken für Steffi.

Und dann kam Anne Will. Schön, schlau, schlank.

In einem Magazin, ich glaube, es war die MAX, las ich ein Porträt über die Journalistin. Wann das war, weiß ich nicht mehr so genau. Aber ich weiß, was es bei mir bewirkt hat: Ich blieb bei einem Satz hängen. Der lautete ungefähr: “Wen Anne Will in ihr Bett lässt, dazu hat sie ganz eigene Ansichten.”

Da hat es bei mir Klick gemacht. Mein Gefühl sagte damals: Sie ist gay. Es war postfaktisches Wissen, ein Gefühl, vielleicht ein Wunsch. Es machte mich jedenfalls sehr sehr happy. Und als es dann wirklich echt wurde, diese Vorahnung, und rauskam, dass sie mit der superschlauen Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Miriam Meckel liiert ist, da bin ich vor dem Fernseher auf dem Sofa rumgehüpft. Das war unglaublich, diese Frau, so ganz anders als Hella von Sinnen und Martina Navratilova, und sie lebte offen lesbisch. In ihren langen braunen Haaren und ihrer weiblichen Erscheinung konnte ich mich spiegeln. Bei der Suche nach einem Anhaltspunkt für die eigene (sexuelle) Identität geht es ja nicht um einen „richtigen“ Spiegel, sondern darum, den für sich passenden zu finden. Für manche war es Hella, für andere Martina, für mich eben Anne. Anne Will ist eine Frau, zu der man aus verschiedenen Gründen aufschauen kann. Kölsche Frohnatur, erfolgreiche Journalistin, kluge Denkerin. Ein role model. Wenn Anne Will in diesem Lesbenclub war, dann konnte ich das jetzt auch.

Einen weiteren Lesben-Identifikationsschub erlebte ich durch die Serie, The L Word. Es ist ein Hochglanzprodukt aus den USA, in dessen Zentrum die Frauenliebe steht. Darin sind die Protagonistinnen schön wie Topmodels. Sie sind modebewusst, sie lackieren sich die Nägel und sind erfolgreiche Frauen. Für mich bedeutete das im Prinzip: lauter Anne Wills. Juhu. In der deutschen frauenliebenden Community verursachten die Darstellerin Herzklopfen und Hysterie. Heute hat The L Word Kultstatus und die Serie ist identitätsstiftend. In Small Talks mit Lesben ist die Frage Standard: Who is your Darling?

Ob Anne Will die Serie geguckt hat und hatte sie einen L Word-Darling? Und dann erinnere ich mich an Anne, die sich nicht davor scheut, ihre Interviewpartner*innen hart ranzunehmen; an Anne, die als erste Frau die Sportschau im Ersten moderierte; an Anne, die bei Preisverleihungen selbstbewusst Dekolletee zeigt und an Anne, die sich in umwerfenden Abendkleidern selbstverständlich an der Seite ihrer Lebenspartnerin zeigt.

Ob diese Frau Vorbilder hat? Ich würde es mir wünschen, denn dann hätte Anne Will vielleicht auch so eine schöne Geschichte wie ich sie habe.

Anne Will am 3.5.2018 bei RoleModels re:publica 2018/ Media Convention

Headerfoto Michael von Aichberger 

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