Frauen*kollektiv Hoe__mies - wer seid ihr, was macht ihr?

Wer ist Hoe__mies? Ein Frauen*kollektiv!

 

Gerade erst haben Lucia und Cecilia Luciano vom Berliner Frauen*kollektiv Hoe__mies die Diskussionsrunde EN WOKE ins Leben gerufen, da werden sie mit Interviewfragen überhäuft. Auch STRAIGHT-Autorin Kim Kastir hat die beiden getroffen und wollte mehr wissen. Wer ist Hoe__mies, was zeichnet das Kollektiv aus und das Wichtigste: Wie kann man mitmachen? Aber der Reihe nach.

Hoe__mie ist ein Kollektiv, das Frauen* of Colour, nicht-binäre und Transpersonen im Berliner Nachtleben unterstützt. Wie gestaltet sich das? Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Nicht nur Frauen* of Colour, sondern eben auch nicht-binäre und Transpersonen of Colour. People of Colour erleben in ihrer Intersektionalität immer noch eine starke Form der Diskriminierung und Benachteiligung. Aus diesem Grund möchten wir in erster Linie ein Publikum of Colour ansprechen. Die Umsetzung eines solchen Vorhabens ist gar nicht so schwer. Man muss die Menschen, die man erreichen möchte, einfach so gut es geht bei der Umsetzung von Projekten mit einbeziehen.

x Wann hattest du/ihr das Gefühl: Jetzt reicht’s! So geht’s nicht weiter. Was war ausschlaggebend für den Schritt Hoe__mie ins Leben zu rufen?

Ausschlaggebend war die Auseinandersetzung zwischen Gizem und dem Veranstalter einer R’n’B-Party, in deren Fokus vermeintlich Frauen* standen; sowohl hinsichtlich des Namens und der Musikauswahl als auch der kompletten optischen Aufmachung des Events, wie beispielsweise dem Flyer. Als klar wurde, dass Frauen* weder am Line-up noch an der Organisation dieser Partyreihe beteiligt sind, die jedoch Weiblichkeit zelebrierte und damit warb, konfrontierte Gizem einen der Veranstalter. Leider sah dieser keine Notwendigkeit darin, Frauen* in die Planung und Umsetzung einzubinden. Gizem informierte unmittelbar danach Lucia, die zu diesem Zeitpunkt schon etwas länger im Eventbereich tätig war und auch schon mit dem Gedanken spielte etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Da kam Gizems Aufruf nur zu gelegen und es so ging es auch gleich an die Arbeit.

x Wie kam der Name Hoe__mie zustande, was repräsentiert er für euch?

Auf den Namen kamen wir gemeinsam mit Hengameh, als wir die Aneignung und Umdeutung von Begriffen diskutierten, deren alleiniger Zweck darin besteht, unsere Sexualität zu kontrollieren und jegliche von der auferlegten Norm abweichende sexuelle Aktivität zu skandalisieren. Das Wortspiel aus „homie“ und „hoe“ soll Slut-Shaming und Hurenfeindlichkeit entkräften und Shamer*innen klarmachen, dass bei uns spaltende Binaritäten wie Heilige vs. Hoes abgelehnt werden. Bei uns kann jede*r sein, wer oder wie er*sie ist. No judgement.

x Warum unterstützt ihr insbesondere für Künstler*innen aus der LGBTI*-Szene und nicht einfach Frauen generell?

Für uns beide ist es unvorstellbar unsere Freunde und Familien nicht in unseren Konzepten mitzudenken. Als Frauen* of Colour haben wir zu oft Frauenbewegungen erlebt, die sich nur an den Belangen von weißen Frauen orientieren. Wenn wir eine Bewegung nur für Frauen* machen, wären wir kein Stück besser als die, die wir kritisieren. Es ist notwendig über seinen eigenen Tellerrand hinauszuschauen und für uns deshalb auch wichtig die Marginalisierung aller Gruppen aufzudecken und allen Betroffenen unsere Unterstützung anzubieten. Nach außen hin wird das vor allem an den Künstler*innen aus der LGBTQIA* Szene sichtbar aber nach innen hin geht unsere Unterstützung auch an die nicht Künstler*innen unter uns. Und wir lehnen das binäre Geschlechtersystem auch ab, weil es nicht ausreicht, um etwas so komplexes wie Gender zu begreifen. Insbesondere Lucia empfindet es für ihre Genderidentität als einengend und verortet sich außerhalb dieser binären Kategorien, auch wenn sie mit der Bezeichnung als Frau* kein Problem hat. Aber allein schon aus diesem Grund stehen wir nicht nur für Frauen*.

x Was sind eurer Meinung nach die Herausforderungen für Frauen, die Frauen lieben – in Bezug auf den künstlerischen Alltag im Hiphop und der DJ-Szene?

Für diese Frage lassen wir ein weiteres Mitglied der Hoe__mies Fazu Wort kommen. Cecilia spielt seit Beginn von Hoe__mies eine tragende Rolle hinter den Kulissen. Sie ist nicht nur Supporter, sondern auch mit Rat und Tat vor der Party und während den Partys bei uns tätig. In ihr steckt schon länger der Wunsch aufzulegen, doch sieht sie für Frauen, die Frauen lieben, wenig Platz in der Hip Hop Szene. Dieses Gefühl bekommt sie schon auf einfachen Hip Hop Partys zu spüren. Die Szene ist einfach sehr stark von Männern dominiert, dazu kommen die homophoben Texte, die vom Publikum gefeiert werden und allgemein der Vibe, der es für sie lange undenkbar gemacht hat, auf Hip Hop feiern zu gehen. Man wird schon als Frau kaum für vollgenommen, da sieht sie es noch schwieriger für Frauen, die Frauen lieben. Hoe__mies ist die erste Hip Hop Party, auf der sie einen Platz für Frauen, die Frauen lieben sieht, sowohl auf der Tanzfläche als auch am Deck.

x Ihr bietet den Frauen* einen „Empowerment Space“, in dem sich Künstler*innen frei ausleben können. Wie ist die Resonanz bisher? Habt ihr viele Interessent*innen?

Die Resonanz war bisher überwiegend positiv. Das liegt aber auch am Publikum, das einfach sehr offen gegenüber unseren Künstler*innen und deren Musikauswahl ist. Das freie Ausleben auf der Tanzfläche findet also auch hinter dem Pult beim Mixen statt. Darauf sind wir auch stolz. Ob wir viele Interessentinnen* haben ist schwer, einzuschätzen. Es sind aber mittlerweile so viele, dass wir für nächstes Jahr eine Liste erstellen müssen, um den Überblick zu bewahren.

 x Inwiefern sind explizite Partys für die LGBTIQ-Szene wichtig findet? Stichwort: Braucht es Schutzräume?

Schutzräume sind super wichtig. Klar, würde ich gern sagen, wir brauchen sie nicht. Aber sie sind extrem wichtig. Die Medien legen es zwar nicht an den Tag, aber in der Realität finden unzählige Übergriffe statt, die bis hin zu Mord reichen. Auch Berlin ist nicht davor gewahrt. Auch hier passieren sehr viele Übergriffe. In den Schutzräumen können wir, wir selbst sein und haben die Sicherheit, dass im schlimmsten Fall für uns eingestanden wird. Zu oft wird verbale Diskriminierung und Sexismus relativiert und sogar abgewunken. In Schutzräumen werden diese Dinge nicht nur ernst genommen, sondern es wird auch reagiert.

Seit der letzten Party arbeiten wir mit Awareness Teams. Das hat auf viele sehr radikal gewirkt. Es gibt jedoch so viele Parties, auf denen bedrängen und angrabschen ohne Weiteres durchgehen, dann kann es auch eine Party geben, wo es die Möglichkeit für Betroffene gibt, Unterstützung abseits der Türsteher zu bekommen.

x Einer eurer Leitgedanken ist: „No judgement“ – jeder darf sein, wie er ist. Lässt sich das in der Praxis wirklich umsetzen oder gibt’s Momente, in denen auch ihr ein Urteil fällt?

Lucia: Ich denke, dass wir Menschen von Grund auf konditioniert sind Urteile zu fällen, das wurde zu unserem eigenen Schutz entwickelt. Wir müssen uns da nichts vormachen, alle urteilen. Urteile gehen dann zu weit, wenn sie unangebracht oberflächlich oder per se abwertend sind.

Cecilia: Im Alltag sind wir oft gehemmt uns zu 100 Prozent auszuleben, gerade deshalb ist das Nachtleben so wichtig. Ein Urteil passiert allein schon dann, wenn man das, was das Gegenüber trägt mit dem eigenen Stil vergleicht. Das muss aber gar nicht negativ sein, es ist vielmehr ein abgleichen und so lange es passiert, ohne dass es dem Gegenüber auffällt oder in eine unangenehme Situation bringt, ist diese Art von urteilen oder abgleichen auch okay. Schließlich holt man sich auch im Nachtleben ganz viel Inspiration für sich selbst. Wir alle wünschen uns Orte, an denen wir uns ausprobieren können, ausleben dürfen, und einfach sein können, ohne uns darüber Gedanken zu machen müssen, beurteilt zu werden. Für die Parties haben wir Richtlinien aufgestellt, die wir an dem Tag der Party posten und in ausgedruckter Form in unsere Partyräume hängen. Wir hoffen dadurch, dass auch nur die Leute zu unseren Parties kommen, die mit unseren Keys einverstanden sind.

x Wie erlebt ihr eure Rolle in der Gesellschaft – akzeptiert oder diskriminiert?

Cecilia: Ich denke, ich bin unterbewusst in eine Richtung gegangen, in der das Umfeld sicher ist und ich mich wohlfühlen kann. Ich werde also grundsätzlich aufgrund der Intersektionalität meiner Identitäten akzeptiert. Über meine sexuelle Orientierung reagieren die meisten Menschen aber immer sehr erstaunt oder überrascht. In der Häufung gibt es mir am Ende des Tages doch das Gefühl, anders zu sein und damit nicht normal zu sein. Wenn andere sagen, dass sie in einer Beziehung sind, habe ich nicht das Gefühl, dass die Leute dann so reagieren wie bei mir. Bei Männern ist es auch oft so, dass sie es gar nicht akzeptieren, das drückt sich unterschiedlich aus. Entweder sie machen einen übermäßig oft an, oder müssen einen aufdrücken, dass es sie anturnt. Im Alltag spüre ich auch oft, dass diskriminierende Sprüche, dadurch, dass man mit mir zusammenarbeitet oder mich kennt, relativiert werden. Ich werde also als Token instrumentalisiert, wodurch die abfälligen Sachen, obwohl sie ausgesprochen wurden, dann nicht so gemeint sind. Auch wenn die Szene, in der ich mich bewege sehr tolerant ist, würde ich nicht ausschließen, dass einige nicht trotzdem homophob sind, nur würden sie es niemals zugeben und halt daran festmachen, dass sie mit mir voll klarkommen.

x Und zu guter Letzt: Wer kann sich anschließen? Wie tritt man mit euch am besten in Kontakt?

Alle die unser Konzept feiern, können sich uns anschließen. Am besten schreibt man uns einfach an, über Facebook, Instagram oder Email.

 

Fotos: Samuel Smelty

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